Weshalb die Aufklärung gegen FGC auch in Deutschland wichtig ist

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes leben mittlerweile 59.000 beschnittene Mädchen und Frauen in Deutschland, die die Praktik der weiblichen Verstümmelung durchführen. Davon sind nach Schätzungen von TERRE DES FEMMES und FORWARD ca. zwischen 20.000 und 30.000 Mädchen und Frauen in Deutschland betroffen. Eine im Jahr 2005 durchgeführte Umfrage vom Berufsverband der Frauenärzte, TERRE DES FEMMES und UNICEF ergab, dass 43 % der GynäkologInnen bereits eine betroffene Frau behandelt hatten. Ein Drittel aller Befragten gab an, bereits eine beschnittene Frau bei einer Geburt betreut zu haben.
Die Zahlen verdeutlichen, dass die Verstümmelung der weiblichen Geschlechtsorgane nicht länger ein Thema ist, das nur fernab von Deutschland praktiziert wird. Es immigrieren immer mehr Menschen aus betroffenen Ländern nach Deutschland, Familien, deren Töchter davor beschützt werden müssen, die gleiche grausame Tradition zu durchlaufen wie ihre Mütter.

Die Hintergründe von FGC

Nach „westlichen“ Wertvorstellungen handelt es sich bei der Tradition der weiblichen Beschneidung um eine grausame Menschenrechtsverletzung, die umgehend zu unterbinden ist. Völker, die diese Tradition praktizieren, haben jedoch keineswegs die Absicht Mädchen und Frauen damit zu quälen. Im Gegenteil: Beschnittene gelten als ehrbare und heiratsfähige Frauen. Eine unbeschnittene Frau wird innerhalb ihrer Gemeinschaft kaum Respekt erfahren, eine Unverheiratete große Schwierigkeiten haben einen Ehemann zu bekommen, ohne diesen wiederum das Überleben nicht gesichert ist. Ein Teufelskreis, der geprägt von Erziehung und Sozialisation seit Jahrtausenden nicht durchbrochen werden konnte. Verbote oder strafrechtliche Verfolgung von Beschneiderinnen hat in den letzten Jahren gezeigt, dass damit alleine FGC nicht abzuschaffen ist. Stattdessen beinhaltet die Arbeit gegen FGC viel Aufklärungs- und Bildungsarbeit, denn jahrtausende alte Traditionen lassen sich in keiner Gesellschaft von heute auf morgen abschaffen.
Meine Erfahrungen haben gezeigt, dass es sinnvoll ist zweigleisig zu fahren. Auf der einen Seite stehen die Migrantinnen und deren Familien, die es durch sensible, respektvolle und ehrliche Gespräche zu erreichen gilt. Dabei ist zu bedenken, dass FGC im täglichen Integrationskampf nur ein Rand- und Tabuthema ist. Auf der anderen Seite steht die deutsche Bevölkerung, deren Achtsamkeit im Kampf gegen FGC eine große Rolle spielt. Ähnlich wie sexueller Missbrauch, findet auch FGC hinter verschlossenen Türen statt und kann daher meist schwer verhindert werden. Dennoch können auch gegen FGC präventive und konkrete Maßnahmen ergriffen werden, die dazu beitragen diese schädliche Tradition künftig zu unterbinden. Berufsgruppen wie MedizinerInnen, PsychologInnen, PädagogInnen (darunter sowohl LehrerInnen als auch SozialarbeiterInnen) und JuristInnen sind wichtige Personengruppen im Kampf gegen FGC. Sie sollten vermehrt an Schulungen teilnehmen, um im Umgang mit Betroffenen angemessen reagieren und bedrohte Mädchen schützen zu können.

Wie können die bedrohten Mädchen geschützt werden?

Es gilt zum einen die deutsche Bevölkerung, darunter v. a. entscheidende Berufsgruppen (GynäkologInnen, PädiaterInnen, PädagogInnen usw.) zur Thematik, den Folgen und Hintergründen zu informieren. Vorträge und Workshops sollten vermehrt angeboten werden. Denn hinter dieser Tradition stehen viele vermeintlichen Begründungen, Ängste und Tabus, die man kennen muss, um die Mädchen schützen zu können. Offene und ehrliche Gespräche mit den El-tern werden auch erst möglich, wenn den Eltern deutlich wird, dass man sich mit ihren Tradi-tionen beschäftigt hat und nicht einfach aus unserem „westlichen“ Verständnis heraus darüber urteilt. FGC kann langfristig nur abgeschafft werden, wenn zwischen Eltern, LehrerIn-nen/ErzieherInnen, MedizinerInnen usw. und den Mädchen ein vertrauensvoller Umgang herrscht.
Zum anderen muss sich jedoch auch jede/r Einzelne seiner Verantwortung diesen Mädchen gegenüber bewusst sein. Um zu verhindern, dass FGC künftig nicht länger an in Deutschland lebenden Migrantinnen praktiziert wird, ist Aufmerksamkeit gefragt. Die Tatsache, dass hier (nicht im fernen Afrika!) Mädchen an ihren Genitalien beschnitten werden, muss noch mehr publik gemacht werden.

Weibliche Genitalbeschneidung und Integration

Es ist sicher richtig, dass es sich beim Thema FGC, um ein sehr spezifisches Thema handelt. Doch ähnlich wie Ehrenmord oder Zwangsheirat, ist es in Deutschland auch möglich, Mäd-chen ihre Genitalien weg zu schneiden. Dieser Zustand muss sich künftig ändern. Und dazu reicht es nicht erschrocken aufzuschreien, wenn erneut ein Fall an die Medien gerät, dem ein spektakulärer Prozess folgt. Nur breit gefächerte Präventionsarbeit und die Einbindung der MigrantInnen in diese Arbeit kann dazu beitragen, solche Traditionen zu unterbinden.   
Der Austausch mit Migrantinnen und deren Familien ermöglichen es, die Hintergründe von FGC aufzuzeigen, die zwar keineswegs zur Rechtfertigung dieser Traditionen herangezogen werden sollen, allerdings wichtig sind, um dagegen zu argumentieren. Verurteilung oder Be-strafung tragen nur bedingt dazu bei, die Durchführung solcher Traditionen zu verhindern. MigrantInnen werden dennoch Wege finden, ihre Traditionen zu praktizieren. Meine Erfahrung und auch die Ergebnisse meiner Diplomarbeit zeigen, dass nur vorurteilsfreie und offene Gespräche mit den MigrantInnen selbst dazu beitragen, FGC abzuschaffen. Um aber zu erreichen, dass tatsächlich eine vertrauensvolle, vorurteilsfreie und offene Basis zwischen MigrantInnen und LehrerIn/ErzieherIn oder MedizinerIn entsteht, müssen sie mit den Hintergründen dieser Tradition vertraut gemacht werden. Denn wer direkt mit der Türe ins Haus fällt und zu offensiv Traditionen kritisiert, wird eher erreichen, dass sich Eltern abwenden. Auf der anderen Seite wiederum müssen Migrantenfamilien zum Leben und den Traditionen innerhalb der deutschen Gesellschaft aufgeklärt werden. Bisher ist es so, dass MigrantInnen nach Deutschland kommen und eventuell im Umgang mit Behörden Unterstützung erfahren. Doch Verhaltensregeln und Wertvorstellungen, die das soziale Miteinander der deutschen Gesellschaft kennzeichnen, bleiben ihnen meist unzugänglich. Was bleibt dann anderes als Halt in den eigenen, wohlbekannten und vertrauten Traditionen zu suchen?
Unser Ziel sollte aber sein, MigrantInnen mit den deutschen Gepflogenheiten vertraut zu machen, um ihnen eine Chance zu geben, sich in Deutschland zu Recht zu finden. Ihre ursprünglichen Wurzeln sollen in diesem Prozess nicht untergehen, doch muss deutlich werden, dass FGC in Deutschland (wie übrigens auch in fast jedem afrikanischen Land) eine Straftat darstellt, weil sie schwerwiegende Konsequenzen für ihren Mädchen und Frauen mit sich bringt. Außerdem müssen viel mehr Initiativen stattfinden, die den Migrantinnen und deren Familien erklären weshalb es sich bei FGC um eine menschenrechtsverletzende Tat handelt. Denn wie bereits erwähnt, sind sie in dem Glauben aufgewachsen, ihre Töchter durch die Beschneidung zu ehrbaren Frauen zu machen. Am besten kann diese Arbeit gelingen, wenn die Migrantin-nen selbst für die Aufklärung der Familien gewonnen werden. Sie wissen am besten wie ihre Gemeinschaft zu erreichen ist.
Auf jeden Fall ist es für Deutschland mittlerweile dringend nötig, auf die mangelnde Aufklä-rungsarbeit gegen FGC zu reagieren. Nicht nur weil alle europäischen Nachbarländer bereits um einige Schritte weiter sind sondern auch, weil immer mehr betroffene Migrantinnen nach Deutschland einwandern. Für die wichtigen Berufsgruppen (s. o.) ist es daher unbedingt erforderlich, an Vorträgen, Workshops, Fortbildungen teilzunehmen. So geht Frankreich bereits seit einigen Jahren mit gutem Beispiel voran: dort existieren bereits seit langer Zeit Weiterbildungen für PädagogInnen, MedizinerInnen und JuristInnen. Durch die enge Zusammenarbeit und Vernetzung innerhalb dieser verschiedenen Berufsgruppen, konnte ein Sicherheitsnetz aufgebaut werden, das schon früh mit präventiver Arbeit anfängt und bedrohte Mädchen effektiv schützt.

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Die vorangegangenen Ausführungen machen deutlich, dass die Arbeit gegen FGC (und andere Traditionen) auf Gesprächen mit den MigrantInnen beruht. Die Aufgabe deutscher ErzieherInnen und LehrerInnen besteht demnach daraus, auf diese Eltern zuzugehen, ihnen zu zeigen, dass von deutscher Seite Interesse an einem Austausch mit ihnen besteht. FGC und andere Frauen diskriminierende Traditionen können nur abgeschafft werden, wenn diejenigen mit ins Boot geholt werden, die es betrifft. Zusammen müssen kulturelle Barrieren überwunden und miteinander in einen Dialog getreten werden.

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