Die Ökosophie- Ideal oder philosophischer Denkanstoß

 

Die Ökosophie als Bildungsideal der Postmoderne könnte eine Antwort auf den Entfremdungsprozess des Menschen von seiner natürlichen Umwelt leisten. Dabei soll es hier nicht darum gehen, ein neues wissenschaftstheoretisches Feld zu eröffnen, sondern um den Grundgedanken, dass hinsichtlich einer systemischen Orientierung der Pädagogik an sich eine ökosophische Ausrichtung in jedem pädagogisch- didaktischen Prozess, also jedem Akt der menschlichen Bildung, aufgrund der geschilderten Problematik Sinn macht und zu verankern ist. „Die ökosophisch gesellschaftstheoretische Relevanz wird vor allem dadurch deutlich, dass über Ökosophie eine Balance zwischen wirtschaftlicher Ökonomie und natureller Ökologie ermöglicht wird, mit der global bestehenden ökologischen Gefahren nachhaltig begegnet werden kann. Hierzu ist ein gesellschaftliches und vor allem individuelles Neu- und Umdenken erforderlich, zu welchem die Ökosophie als Bildungsideal einen wesentlichen Beitrag leisten kann.“

Dem Begriff der Ökosophie würde nicht genüge getan, würde er lediglich auf den Aspekt der Ökologie bezogen. Als Neologismus (auch ein tolles Wort :-))  fällt es zunächst schwer, ihn eindeutig zu definieren. Die bisherige Verwendung des Begriffes scheint relativ vieldeutig und im wesentlichen auf die Ökologie bezogen: So wird die Ökosophie auf der Internetseite www.oekosophie.de wie folgt definiert:

„Ökosophie: Entfalten der eigenen Weisheit, gut und umweltbewusst zu leben ohne Verzicht“

Den Begriff der Ästhetik implementierend definiert die Robert- Bosch- Gesamtschule Hildesheim auf ihrer Homepage: 
„Mit dem Begriff Ökosophie wird ein neuer Schwerpunkt in der Umwelterziehung beschrieben. Umwelterziehung, die vielfach durch naturwissenschaftliche Erkenntnisse eine Verhaltensänderung beim Menschen erzielen will, wird ergänzt durch das Anliegen, eine ästhetische Beziehung zwischen Mensch und Umwelt zu erzeugen. Das Erlebnis von Natur und die Einstellung zu naturbedingten Prozessen unter Berücksichtigung ihrer Wertsetzung für zukünftiges Handeln bilden den Schwerpunkt der Ökosophie. Die Ökosophie sucht den ästhetischen Dialog zwischen Mensch und Natur.“

Mangels einer einheitlichen Definition des Terminus „Ökosophie“ muss der Begriff an sich genauer untersucht werden:
Im Terminus „Ökosophie“ findet sich zunächst das dem griechischen oikos entstammende „Öko“, was soviel wie Haushaltung oder auch Ökonomie bedeutet . Den zweiten Teil bildet das griechische „sophia“- die Weisheit . Somit kann die Ökosophie zunächst als die Weisheit der Haushaltung übersetzt werden. In der Übersetzung des Dudens des griechischen oikos findet sich jedoch auch der Begriff der Ökologie, welcher zum einen die angesprochene Haushaltung bedeutet, zum anderen jedoch auch als „Wissenschaft von den Wechselbeziehungen zwischen den Lebewesen und ihrer Umwelt“ meint.
Somit lässt sich die Ökosophie als Weisheit der Haushaltung bezeichnen, welche die Beziehungen der Lebewesen zu ihrer Umwelt mit einbezieht.

Der Aspekt der „Beziehungen der Lebewesen zu ihrer Umwelt“ ist damit eng verknüpft. Eine harmonische Beziehung aller Lebewesen zu ihrer Umwelt soll angestrebt werden, sowohl im Sinne eines ausgeglichenen Miteinanders der Teammitglieder, als auch im Sinne der Beziehungen der Menschen nach außen, wobei die Umwelt sowohl die Arbeitswelt als auch die natürliche Umwelt bezeichnet. „Maß aller Dinge“ kann dabei lediglich das Subjekt sein: „Ökosophie ist subjektorientiert zu verstehen, d.h. sie ist als Bildungsideal auf den einzelnen Menschen, sein individuelles Denken, Fühlen und Handeln gerichtet, und sie kann nur über den individuellen Menschen selbst, sein Erleben und Reflektieren, zur Entfaltung kommen, das Individuum ist sein eigenes Kriterium. Ökosophie umfasst somit zunächst einem humanistischen Begriff von Bildung. Es gilt, alle im Menschen veranlagten Anlagen und Fähigkeiten zu entwickeln und seine Würde zur Entfaltung zu bringen, um so auch dem Streben nach echter Menschlichkeit Raum zu geben.“

Dabei wird im Sinne der Subjektiven Didaktik davon ausgegangen, dass eine direktive, linear- kausale Beeinflussung des Menschen nicht möglich ist. Es können lediglich Anreize (Perturbationen) gesetzt werden, die den Menschen dazu bewegen, sich gemäß seiner subjektiven Strukturdeterminiertheit neu auszurichten.  

Ökosophie soll vor Allem als Vermittlungsversuch von dem Menschen immanenten, verschütteten oder verborgenen Kontakten und Zugängen zu seiner natürlichen Umwelt und sich selbst, wie auch zwischen wirtschaftlicher Ökonomie und natureller Ökologie verstanden werden. Dieser dialektische Prozess begründet auch die Wahl des „Terminus“ „Bildungsideal“: Der Mensch wird es auch unter größter Anstrengung nicht schaffen, sein Leben so auszurichten, dass es im völligen Einklang mit der Natur verläuft. Würde er dies vollbringen, wäre das Ideal zur Realität geworden, womit das Ideal als solches nicht weiter existieren würde.

Im Sinne dieses Ideals vermag die Ökosophie das Muster sein, welches das Wissen um sich selbst mit dem Wissen um soziale und natürliche Zusammenhänge verbinden kann. „Dieses Wissen kommt über die dynamisch zirkuläre Ökosophische Bildungstriade Individuelle Ökologie (persönliche Empirie) – Ökologisches Bewusstsein (persönliche Erkenntnistheorie) – Ökosophie (persönliche Philosophie) zum Ausdruck, über welche dem Menschen sein individuelles Erlebnis- und Wissenspotential transparent gemacht werden, d.h. der Mensch zu sich selbst finden kann.“
Wie in der Ökosophie geht es auch in der Teamentwicklung um die Vermittlung von subjektiven Eindrücken, Wissen, Fähigkeiten und Einstellungen, die im Abgleich mit den subjektiven Konstrukten anderer Menschen in ein stimmiges Gesamtbild gefügt werden sollen. Dies gilt unter ökosophischen Gesichtspunkten wiederum sowohl für das menschliche Zusammensein, als auch für den Dialog von Mensch und Natur.

Eine ökosophisch ausgerichtetes, gruppenpädagogisches Setting fokussiert also sowohl die gruppenimmanenten Ressourcen und den ökonomischen Umgang damit, als auch das wechselseitige Verhältnis der Gruppe zu ihrer jeweiligen Umwelt. Dies endet jedoch durch die (öko-) systemische Sichtweise nicht jenseits der Mauern der jeweiligen Institution, sondern ist als ganzheitliches Verhältnis des Menschen zur Umwelt zu verstehen. Die nähere Umwelt bezeichnet das Wirkungsfeld der Gruppe, während die weitere Umwelt als die natürliche Umwelt, die Natur zu verstehen ist.

Verkürzt entnommen aus: Cornelissen, Leif: Ökosophische Teamentwicklung in der Postmoderne"; 2002