Der Radikale Konstruktivismus

"Zeichnende Hände" von M. C. Escher


Der Radikale Konstruktivismus beschäftigt sich damit, eine Wissenstheorie ohne ontologische Basis zu formulieren. Er wird in dem Zusammenhang mit der Subjektiven Didaktik als Kognitionstheorie verstanden und beschäftigt sich mit den subjektiven Vorgängen der menschlichen Wahrnehmung und des Prozesses des Entstehens von Erkenntnis und Bewusstsein.

Die Theorien des radikalen Konstruktivismus beschäftigen sich mit der Frage, wie Wirklichkeiten zustande kommen. Dabei wird objektives Wissen in Frage gestellt und den Konstruktionen der Individuen zugeschrieben.

Seine Kernaussage besagt, dass es keine Beobachtung gibt, die unabhängig vom Beobachter ist: „Wir müssen die tradierten Vorstellungen von „absoluter Wahrheit“ und „Objektivität“ aufgeben. Daraus ergibt sich gewissermaßen die Notwendigkeit des permanenten Abgleichs der subjektiven Beobachtungen mit den Gebilden anderer Subjekte, um zu einem stabilen Weltbild zu finden. Realität ist grundsätzlich ein subjektives Gebilde, da der Mensch außer seiner ihm jeweils zur Verfügung stehenden, subjektiven Möglichkeiten der Informationsaufnahme und Informationsverwertung keinen anderen Zugang zur Realität besitzt. „Die Welt, wie sie erkannt wird – mit ihrer Varietät und Vielfältigkeit-, ist das Ergebnis innerer Prozesse.
Das Adjektiv „schwer“ beispielsweise löst in jedem Menschen ähnliche, jedoch völlig verschiedene Vorstellungen hervor. „Schwer“ beschreibt möglicherweise für den einen den Zustand eines großes Autos, für den anderen einen Stein im Vergleich zu einer Feder, für ein Kind die Mathematikhausaufgaben, für den verunglückten Motorradfahrer das Laufen neu zu erlernen, für eine Rentnerin der wöchentliche Einkauf, für Ihren Mann das Erlernen der Funktionen des neuen schnurlosen Telefons, für einen Schizophreniepatienten das Eingeständnis der Tatsache, dass die eigene Wahrnehmung eine Realität kreiert, die mit der anderer Menschen nicht oder nur sehr schwierig abzugleichen ist und für einen Kraftsportler des Mittelgewichts bei der Weltmeisterschaft im Stemmen genau 132,5 kg. Mit der Wirklichkeit an sich jedoch – so sie existiert- werden wir nicht wirklich konfrontiert, sondern wir bilden unsere Erfahrungen mit Hilfe von Perzeptions- Systemen, die in unserer Gehirnstruktur angelegt sind. Einzelne Erkenntnisse müssen in diese Systeme hineinpassen, viabel sein.

Dem jedoch entwächst die drängende Frage, wie uns eine Welt, konstituiert aus rein subjektiv erstellten Gedanken- und Informationsgebilden, im Ganzen überhaupt stabil erscheinen kann. Ernst von Glasersfeld löst dieses scheinbare Paradox folgendermaßen: „Wenn die Welt, die wir erleben und erkennen, notwendigerweise von uns selber konstruiert wird, dann ist es kaum erstaunlich, dass sie uns relativ stabil erscheint."

Die daraus erwachsende Frage nach Existenz und der Erkenntnismöglichkeit einer letzten, endgültigen und allgemeingültigen Realität ist mit der Grundaussage des radikalen Konstruktivismus relativ einfach zu beantworten: Wenn es keine Beobachtung gibt, welche unabhängig vom Beobachter ist, so ist jegliche Realität eine subjektiv konstruierte. So kommen wir also nicht an der Tatsache vorbei, dass die Welt, die wir kennen, darauf angelegt ist, sich selbst zu sehen. Um das aber zu können, muss sie sich natürlich aufspalten in mindestens einen Zustand, der sieht, und mindestens einen Zustand, der gesehen wird. Allein der Abgleich mit den konstruierten Realitäten anderer Subjekte ermöglicht ein temporär stimmiges und stabiles Weltbild. Eine letzte, objektive Gewissheit kann demnach nicht erfahren werden. Der Prozess der Abstimmung ist somit als ein empirisch- unphänomenologischer beschreibbar, mit dem Resultat der Gewissheit, dass wir von der Wirklichkeit immer und bestenfalls nur wissen, was sie nicht ist. Der Mensch muss damit leben, dass es keinesfalls eine Gewissheit dafür gibt, dass die Welt, die sich durch seine Wahrnehmung in seinem Wissen konstituiert,  so ist, wie sie ohne den Menschen ist. Dies wird auch in der Frage nach dem umstürzenden Baume im Wald deutlich:  Fällt im Wald ein Baum, aber es ist absolut niemand da, der das hören könnte, hat es dann ein Geräusch gegeben?

Für die Erlebnispädagogik ist der Konstruktivismus in vielerlei Hinsicht besonders zu berücksichtigen: Einmal erinnert er permanent daran, dass die Realität des Einzelnen –so existent-  in der Schnittmenge der subjektiven Realitäten der einzelnen Gemeinschaftsmitglieder zu finden ist, und dass von einer Realität –beispielsweise bezüglich des Selbstverständnisses oder der Zielformulierung- erst dann gesprochen werden  kann, wenn dieser Abgleich stattgefunden hat und ein gemeinsamer Konsens gefunden ist. Davor existiert kein gemeinsames Ziel, nicht einmal eine gemeinsame bewusstes Bild davon.

Zum anderen mahnt der Konstruktivismus den ständigen Abgleich und die Reflexion über alle Meinungen und deren Zustandekommen an. Ein Teammitglied, dessen Zielformulierung und Rollenverständnis des Teams „offensichtlich“ ist, und der davon ausgeht, dass die anderen Mitglieder die gleiche Vorstellung haben müssen, weil das „einfach so ist“, hat dem Team eine subjektive Meinung aufoktroyiert und der Bildung einer gemeinsamen Realität auf Basis der Synthese der subjektiven Erfahrungen aller Teammitglieder keine Chance gelassen.

Der Konstruktivismus soll jedoch auch den oder die Trainer des jeweiligen Teams davon abhalten, voreilige Schlüsse oder Folgerungen aus dem Verhalten oder den Äußerungen des Teams zu ziehen. Auch eine jahrzehntelange Erfahrung im Umgang und Training von Gruppen und Teams berechtigt nicht dazu, einem Team vorschreiben zu wollen, was gut oder schlecht für es sei. Auch hier hat das Suchen des gemeinsamen Konsens oberste Priorität.