Zusammenfassung und offene Fragen

Abschließend möchte ich mich der Frage widmen: Warum „Natur erleben“ mit Jugendlichen?

Folgende Zusammenhänge möchte ich noch einmal näher betrachten:

1. Natur erleben, Jugend und Persönlichkeitsentwicklung

Das Ziel pädagogischer Arbeit mit Jugendlichen ist vor allem die Begleitung und Unterstützung Jugendlicher. Dabei geht es darum, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln und eigene Gefühle und Blockaden wahrzunehmen. Es geht darum, sich selbst neu zu erleben, sich mit Unbekanntem auseinander­zusetzen und tragfähige Zukunftsvorstellungen zu entwickeln. Vor allem geht es aber auch darum, einen Sinn in seinem Leben zu erkennen. Die Natur kann dabei durch ihre Distanz zum Alltäglichen viel leisten. Die Auseinandersetzung mit Naturphänomenen ermöglicht Grenzerfahrungen und Herausforderungen, an denen Jugendliche wachsen können. Grenzerlebnisse lassen häufig Fragen nach dem Ursprung und dem Sinn der eigenen Existenz aufkommen. Die Natur hält für den, der auf der Suche ist, einige Antwortmöglichkeiten bereit.

Die Natur ist ein idealer Rahmen, in dem man sich der Stärkung der Persönlich­keit und dem Aufbau sozialer Kompetenzen widmen kann. Denn hier gelten be­sondere Regeln. Jugendliche sind ruhiger, ausgeglichener und dadurch kon­zent­rierter in ihren Aktivitäten. Durch weniger Ablenkung von Außen, können sie sich selbst intensiver wahrnehmen und ihren Gefühlen nachspüren. Diese Bedingungen schaffen eine gute Basis, um zum eigentlichen Kern der Dinge vor zu dringen: Unsere wahren Bedürfnisse und das, was uns wirklich in der Tiefe unseres Herzens beschäftigt. Die Natur kann zu einem Türöffner zu verdrängten und nicht integrierten Erfahrungen und Persönlichkeitsanteilen werden. Werden diese sichtbar, besteht die Chance zur Integration. In dieser Arbeit ist deutlich geworden, dass die Natur mehr ist als nur eine Ku­lisse – sie ist ein Lernraum, indem Menschen wertvolle Erfahrungen machen können. Deswegen bin ich der Meinung, dass der Lernraum Natur stärker in Bildungs­szenarien integrieren werden sollte.

 

 

2. Erlebnispädagogik, Umweltpädagogik und Natur

Naturerlebnisse sind wichtige Bausteine der Umweltpädagogik und haben in vielen Ansätzen eine zentrale Rolle. Auch in der Erlebnispädagogik ist das Natur­erlebnis neben dem Ich- und dem Gruppenerlebnis ein wichtiger Be­stand­teil. Der Unterschied von Erlebnis- und Umweltpädagogik ist, dass sie das Naturerlebnis unterschiedlich nutzen. In der Umweltpädagogik dient das Natur­erlebnis dem Aufbau einer Wertorientierung und Beziehung zwischen Mensch und Natur (Nur was man kennen lernt, das schützt man auch). Die Umwelt­pä­dagogik setzt sich mit den Wurzeln und der Lebensgrundlage des Menschen auseinander. Die Erlebnispädagogik hingegen nutzt das Naturerlebnis als Kulisse, als Rahmen für sportliche Aktivitäten und als Raum für Selbst- und Gruppenerfahrung. Bei der Erlebnispädagogik steht das Ziel im Vordergrund. Es geht um Wachstum und Entwicklung, um den Erwerb sozialer Kompetenzen und um die Stärkung der Persönlichkeit. Die Verknüpfung dieser beiden An­sätze schafft ideale Lernbedingungen, denn der Mensch wird in seiner Doppel­natur und Ganzheitlichkeit sowohl als Kulturwesen als auch als Naturwesen angesprochen. Beide Ansätze können voneinander profitieren: Umwelt­pädagogik kann der Erlebnispädagogik mehr Tiefe geben; Erlebnis­pädagogik ermöglicht Herausforderungen und persönliches Wachstum.

 

Ein wichtiger Punkt in der Bewertung naturerlebnispädagogischer Maßnahmen mit Jugendlichen ist die Kompetenz der Leitungspersonen. Natur zu vermitteln und einen Lebensbezug zum Einzelnen her zu stellen, erfor­dert eine sensible Anleitung. Pädagogen, die in diesem Bereich tätig sind, sollten sich mit ihren eigenen Verhaltensweisen und Einstellungen intensiv auseinandersetzen. Für mich stellt sich die Frage, wie eine ganzheitliche Weiterbildung in Erlebnis­pä­dagogik aussehen muss, damit dies gewährleistet ist. Zu einer umfassenden Weiterbildung gehören neben der Selbsterfahrung auch umfangreiches Wissen und Informationen zu relevanten Inhalten zu erwerben. Dies umfasst sowohl Aspekte der Sicherheit, naturkundli­ches und didaktisches Grundwissen, als auch pädagogisch-psychologische Aspekte wie der Umgang mit Umweltängs­ten.

 

Offen bleiben für mich auch Fragen nach dem Umgang mit Resignation und die Gewährleistung von Transfer: Was passiert, wenn das Naturerlebnis zu einer negativen Erfahrung wird? Wie kann man verhindern, dass sich Ängste verstär­ken? Wie geht man mit Momenten des Scheiterns um? Wie kann man Resigna­tion und Versagensgefühlen vorbeugen? Wie können Jugendliche ihre Erkennt­nisse im Alltag umsetzen? Wer begleitet sie, wenn das Seminar vorbei ist und wie kann Nachhaltigkeit in der Erlebnispädagogik gewährleisten werden?

 

 7   Persönliches Fazit

Meine Diplomarbeit hat mich in dem Wunsch und der Vision bestärkt, jungen Menschen Natur näher zu bringen. Es macht mir immer wieder Spaß mit Kindern und Jugendlichen draußen zu sein und Natur zu erleben. Durch das Seminar „Natur pur“ und die Rückmeldung der Teilnehmer ist mir selbst klar geworden, wie wichtig es ist, diese Arbeit zu tun. Für die einzelnen Menschen, für das Fortbestehen vieler Lebewesen und nicht zuletzt auch für mich selbst. Eine ganze Woche mit Jugendlichen in einer alten Hütte in den Bergen zu verbringen ist anstrengend und bedeutet Konfrontation. Immer wieder befindet sich die eigene Flexibilität, Gelassenheit und das Durchsetzungsvermögen auf dem Prüfstand. Die Zeit und das Engagement, das man investiert, ist immer mehr als das Geld, das man verdient. Und wenn ich am Ende der Woche nach Hause komme, bin ich oft so erschöpft, dass ich mittags auf der Couch ein­schlafe. Aber auf eine tiefe Art und Weise ist diese Arbeit unglaublich befriedi­gend für mich. An jedem Aufenthalt wachse ich und die vielen Begegnungen mit jungen Menschen stärken meinen Idealismus und berühren mich. Die Natur hat in meinem Leben schon immer eine große Rolle gespielt. Mir ist bewusst geworden, dass meine Verbundenheit zu ihr eine Ressource ist, die ich beruflich und persönlich nutzen kann. Diese Arbeit zu schreiben, hat mich darin ermutigt, den eingeschlagenen Weg weiter zu gehen.