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1.1 Natur – eine Bedeutungserklärung
Im etymologischen Wörterbuch wird der Begriff Natur definiert als "...das ohne fremde Zutun Gewordene, Gewachsene; die Schöpfung, die Welt" (Duden, 1963, 463). Der Begriff Natur geht auf den lateinischen Begriff "natura" als "das Hervorbringen, die Geburt" (Duden, a.a.O., 463) zurück. Diese Beschreibungen deuten bereits darauf hin, dass Natur durchaus ein schwieriger Begriff ist, in den verschiedene Aspekte miteinfließen. Ein wesentliches Merkmal der Natur ist die Unabhängigkeit von dem Menschen. "Ihr wesentliches Charakteristikum ist ihre Eigenständigkeit. Sie existiert als unabhängige Ganzheit" (Preuss, 1993, 214).
Auch BÖHME versteht Natur im Sinne von "das Gegebene", die Natur als "dasjenige Seiende, das von sich aus da ist" (Böhme, 1993, 30).
"In Abgrenzung dazu wird mit dem Begriff Umwelt die gesamte Umgebung des Menschen bezeichnet, die über die natürliche Umgebung hinaus auch die kulturelle und soziale Umgebung einschließt" (Muff, 1997, 14).
Somit steht "Natur im Gegensatz zu dem Gemachten" (vgl. Böhme, a.a.O, 30), ihr entgegengesetzt wird Kultur, Zivilisation und Handwerk.
"Fast immer ist mit dem Naturbegriff der Gegensatz zur menschlichen Kultur, vor allem zu Technik und Industrie gemeint" (Kuckhermann, 1993, 44).
TROMMER bezieht das Wort "Wildnis" in seine Überlegung zum Begriff "Natur" mit ein. In seinem "Drei-Umwelten-Modell" unterscheidet er die „Wildnis“, also unberührte Natur von der "Zivilisationslandschaft", in welcher der Mensch im Vordergrund steht. Als dritte Form von Umwelt nennt er die "Kulturlandschaft". Diese beinhaltet sowohl die Natur als auch den Menschen in Wechselwirkung zueinander (vgl. Trommer, 2000, 18).
Hier wird bereits die Schwierigkeit deutlich, die sich daraus ergibt, wenn man versucht die Natur klar von der Kultur abzugrenzen. In dicht besiedelten Landschaften, wie es in Europa der Fall ist, existiert die reine Wildnis fast nicht mehr. Es gibt kaum vom Menschen unerschlossene und unveränderte Gebiete. Somit ist das, was wir in der Regel als Natur bezeichnen, im eigentlichen Sinne Kulturlandschaft. Dies wird am Beispiel der Lüneburger Heide deutlich:
Die Lüneburger Heide, die heute als Naturschutzgebiet geführt wird, ist ein Produkt des Raubbaus der „Hanse“. Die Hanse ließ damals für den Schiffsbau den damaligen Wald der Lüneburger Heide abholzen. Hinzu kam die Umstellung von einer ortsungebundenen zu einer ortsgebundenen Landwirtschaft mit Dauersiedelung. Durch die regelmäßige Abtragung des Oberbodens, der den Bauern als Streu für die Schafe diente, entstand das typisch charakteristische Bild der Lüneburger Heide. In ihrer heutigen Form kann ihr "Naturzustand" ohne den Eingriff des Menschen, etwa durch die Haltung von Heideschnucken (Sammelbegriff für eine bestimmte Schafsrasse) nicht aufrechterhalten werden. Sie würde sich nach langer Zeit wieder in einen Eichen-Hainbuchenwald verwandeln. (de.wikipedia.org/wiki/L%C3%BCneburger_Heide, 18.10.07).
Unsere Naturerfahrung ist "immer kulturell überformt". Auch wenn man Naturerfahrung nicht "restlos als kulturelles Ereignis" betrachten kann, bleibt sie doch nie ganz von der Kultur abgegrenzt (vgl. Sorgo, 2005, 216).
Wird der Begriff "Natur" gebraucht, beschreibt er in der Regel eine ästhetische Dimension und meint "Landschaft, die den Anschein hat, als sei sie vom Mensch unberührt - Natur also, die noch nicht zu viel Kultur ist" (Breß, 1994,19).
1.2 Natur in der Erlebnispädagogik
1.2.1 Was ist Erlebnispädagogik?
Die Dinge, die wir wirklich wissen, sind nicht die Dinge, die wir gehört oder gelesen haben, vielmehr sind es die Dinge, die wir gelebt, erfahren, empfunden haben. Calvin M Woodwards |
In der Arbeit wird bewusst auf eine umfassende Darstellung der Erlebnispädagogik verzichtet. Die geschichtliche Entwicklung der Erlebnispädagogik, ihre Definition und ihre Abgrenzung zu anderen Methoden wurden bereits in zahlreichen Versuchen ausführlich diskutiert und spielen für die Entwicklung dieser Arbeit nur eine untergeordnete Rolle.
KURT HAHN gilt mit seinem Erziehungsmodell der „Erlebnistherapie“ als der Begründer der Erlebnispädagogik. Er erkannte vier Verfallserscheinungen in der Gesellschaft: Den Mangel an menschlicher Anteilnahme, den Mangel an Sorgsamkeit, den Verfall der körperlichen Tauglichkeit und den Mangel an Initiative und Spontaneität. Diesen Verfallserscheinungen setzte er vier Elemente seines erlebnistherapeutischen Konzeptes entgegen. Diese sollten die gesellschaftlichen Verfallserscheinungen bekämpfen und Jugendlichen zur Entfaltung ihrer Persönlichkeit verhelfen:
(vgl. Heckmair/ Michl, 1993, 21ff)
Inzwischen haben sich die Inhalte erlebnispädagogischer Aktivitäten in vielerlei Hinsicht verändert und sind ergänzt worden. Das Ziel der Erlebnispädagogik ist jedoch gleich geblieben: Junge Menschen sollen vor physische, psychische und soziale Herausforderungen gestellt werden, die diese in ihrer Persönlichkeits- entwicklung fördern und sie dazu befähigen, ihre Lebenswelt verantwortungsvoll zu gestalten (vgl. Heckmair/ Michl, 1993, 75).
Die Erlebnispädagogik ist eine handlungsorientierte Methode und sieht in Erlebnissen die Grundlage aller Erfahrungen und Einsichten. „Die Teilnehmer sollen bei den Erlebnissen immer wieder an ihre eigenen Grenzen stoßen, indem sie in Situationen gelangen, denen sie nicht ausweichen und sich dadurch bewähren und an ihnen wachsen können“
(Zeitschrift für Erlebnispädagogik, 2005, 1/2, 44).
In der Erlebnispädagogik sollen Schlüsselqualifikationen vermittelt werden. Dies sind sehr komplexe Verhaltensfähigkeiten wie Kommunikationsfähigkeit, Konfliktfähigkeit, Teamfähigkeit oder die Fähigkeit zur Selbstorganisation. Schlüsselqualifikationen sind Fähigkeiten, die nicht kognitiv zu vermitteln sind. Die Erlebnispädagogik spricht mit ihrem ganzheitlichen Ansatz sowohl Emotionen, Körperreaktionen als auch Gedanken an. Über die Reflexion besteht die Möglichkeit, diese Bereiche miteinander zu verbinden und somit ein umfassendes Lernergebnis zu erreichen.
Erlebnispädagogische Aktionen können einerseits zu einem „Wir- Gefühl“ beitragen. Gemeinsam werden intensive Kontakte und Emotionen erlebt, Schwächen und Stärken werden offenbar, Ängste und Sehnsüchte werden ausgetauscht. Andererseits fördern sie ein „Ich- Gefühl“ durch Identitätsfindung bei Grenzerlebnissen, durch Abgleiche von Fremd- und Selbsteinschätzung, durch körperlichen Einsatz, durch Forderung und Förderung von Ressourcen und kreativen Aufgabenbewältigungen. REINERS hält neben dem Ich-Erlebnis und dem Gruppen-Erlebnis auch das „Naturerlebnis“ für einen wichtigen methodischen Baustein der Erlebnispädagogik (vgl. Reiners, 1995, 41).
Auch HECKMAIR und MICHL definieren Erlebnispädagogik in Anlehnung an Kurt Hahn als „handlungsorientierte Methode, in der die Elemente Natur, Erlebnis und Gemeinschaft pädagogisch zielgerichtet miteinander verbunden werden“ (ebd., 1993, 66).
1.2.2 Natur als Erlebnisraum und Handlungsfeld
In der Erlebnispädagogik wird Natur überwiegend als pädagogisches Setting genutzt, das einen bestimmten Rahmen vorgibt. Es gibt mittlerweile auch Tendenzen dahin, erlebnispädagogische Aktionen Indoor (Kletterhallen, Turnhallen und Klassenräume) oder in der Stadt (City Bound) durchzuführen, überwiegend findet Erlebnispädagogik aber immer noch in der freien Natur statt. "Dazu zählt der ganz banale Umstand, dass fast alle Naturräume vielfältige Strukturen bieten (Hindernisse, Gefälle, Bäume, Gewässer etc.), die für methodisches Arbeiten oft unerlässlich sind und nur äußerst mühsam in Seminarräumen simuliert werden können" (Krejcarek, 2005, 170).
So macht es erfahrungsgemäß einen großen Unterschied, ob man mit einer Gruppe draußen am Fels klettert oder Indoor in einer Kletterhalle. Einmal abgesehen von ästhetischen Gesichtspunkten, erfordert das draußen Klettern eine viel größere Anpassungsleistung der Gruppe an die Rahmenbedingungen. Sind in einer Kletterhalle die Routen farblich markiert und somit Bewegungsabläufe relativ stark vorgegeben, erfordert das Klettern am Fels mehr Kreativität und eigenständige Lösungsansätze. Dazu kommt noch der psychologische Faktor, dass man sich draußen am Fels oft viel ausgesetzter und ungeschützter fühlt, als in der Halle, die jedem eine gewisse Sicherheit vorgaukelt. Menschen mit Höhenangst haben in der Kletterhalle oft weniger Probleme als draußen am Fels.
Diese Rahmenbedingungen fließen immer in das Tun und den Erfahrungsprozess der Gruppe mit ein. Die Natur setzt dabei "unveränderbare Bedingungen und löst über Faktoren, wie Wärme, Kälte, Regen, Wind und Sonne dynamische Prozesse in Gruppen aus. Diese Wirkungen sind letztlich nicht verhandelbar und schaffen eine situationsimmanente Notwendigkeit zu lösungsorientiertem Verhalten jedes Einzelnen in der Gruppe. Die Möglichkeit der Ausflucht und Verweigerung werden durch die Dynamik der Gruppe und die oft gewählte Zivilisationsferne stark begrenzt" (Krejcarek, a.a.O., 170).
Ein gutes Beispiel hierfür ist das häufig zu beobachtende Handyproblem mit Jugendlichen. Wir führen erlebnispädagogische Aktionen mit Schulklassen meistens in Selbstversorgerhäusern durch, die sich weit draußen in der Natur befinden. In den seltensten Fällen hat man dort Handyempfang. Allein diese Tatsache bringt Jugendliche teilweise an ihre Grenzen. Oft kann man dabei beobachten, wie schnell sich Jugendliche mit dieser Situation arrangieren und nicht selten hört man am Ende von der Woche dann Sätze, wie "Eigentlich hat es mal ganz gut getan nicht immer erreichbar zu sein".
Auch WOLF/SCHNECKENBURGER-FENKART (1997) weisen darauf hin, wie wichtig die Natur als Setting für erlebnispädagogische Aktionen ist. Sie sind der Ansicht, dass Erlebnispädagogik Natur braucht, weil sich dort die Psyche des Menschen regenerieren kann.
Je nach pädagogischer Intention kann die umgebende Natur auch mehr sein, als bloße Rahmenbedingung. Ihr kann als Projektionsfläche, Analogieraum,
Katalysator oder Lehrmeisterin eine besondere Bedeutung zukommen (vgl. Kraus/Schwiersch, 1996, 49).
Dieser Ansatz nennt sich archetypisches Lernen und "geht davon aus, dass es Plätze, Situationen und Bilder gibt, die ganz tief im ‚kollektiven Unterbewusstsein’ eines jeden Menschen gespeichert sind. Erfahren diese archetypischen Bilder in einer Lernsituation eine Entsprechung, dann finden tiefgreifende Lernsituationen statt" (Birzele/ Hoffmann, 2003, 27). Archetypisches Lernen geht auf die Tiefenpsychologie von C.G JUNG (1985) zurück und wurde von BACON als "Metaphorisches Handlungslernen" Anfang der achtziger Jahre in die Erlebnispädagogik gebracht (vgl. Kraus/Schwiersch, a.a.O., 42).
"Der Denkansatz der ‚archetypischen Psychologie’ ist in der Lage, Bezüge herzustellen zwischen den Örtlichkeiten, die in der Erlebnispädagogik aufgesucht werden, den dort vollzogenen Handlungsgestalten, den Erlebensmustern der Beteiligten und diese zu beziehen auf das kulturelle Erbe, worauf das Tun gründet" (Kraus/Schwiersch, a.a.O., 47).
Angewandt auf das Erlebnispädagogische Handlungsfeld „Natur“ bedeutet das:
Bei einer Höhlenerkundung mit Jugendlichen ist die Höhle mehr, als bloßer Ort des Geschehens, sondern eine Metapher für die eigenen Tiefen des Lebens. Sie bietet Gelegenheit zur Auseinandersetzung mit Dunkelheit und Stille, mit dem Ungewissen und Geheimnisvollen. Die Dunkelheit der Nacht kann eine Metapher für eigene verdrängte Schattenaspekte in der Persönlichkeit sein. Das Wasser bei einer Bachwanderung wird zum Symbol für das Leben. Wasser weckt Assoziationen, wie getragen sein, im Fluss des Lebens sein, sich treiben lassen. Die Natur bietet viele Entsprechungen, die sich als Abbild auf persönliche und gruppendynamische Prozesse übertragen lassen. Scheitert eine Gruppe beim Survivaltraining immer wieder an der Aufgabe ein Feuer zu entzünden, lassen sich Bezüge zum konkreten Schulalltag herstellen: Was braucht es in einer Gruppe, um ein Feuer zu entfachen, um Begeisterung zu wecken?
Jugendliche, die ihren Platz im Leben noch suchen, schicken wir immer wieder raus in die Natur, mit dem Auftrag, einen Ort zu suchen, an dem sie sich wohl und geborgen fühlen. Dort sollen sie dann eine Weile verweilen und den Ort einfach nur auf sich wirken lassen. Sehr häufig kommen die Jugendlichen reich beschenkt mit ihren eigenen Geschichten zurück. In Gesprächen mit den Betreuern lassen sich anschließend persönliche Bezüge zu den verschiedenen Lebenssituationen herstellen. Dabei können Fragen gestellt werden, wie: „Was brauche ich, um mich wohl zu fühlen? Was sagt dieser Ort über mich selbst aus?“
In all diesen natürlichen Vorgängen zeigt sich "archai", das griechische Wort für Urprinzipien, die "grundlegenden Metaphern, auf denen alle Dinge ruhen" (Hillman, 1995, 219 übersetzt in Kraus/Schwiersch, 1996, 44). Diese Beispiele zeigen sehr eindrücklich, dass "die Natur zu erfahren demnach (heißt) etwas aus sich selbst darin zu finden" (Krejcarek, 2005, 172). Natur- und Selbsterfahrung fallen damit zusammen. Die Verbindung von "Außen" und dem "Inneren" erhält eine neue Bedeutung. Das Naturerlebnis wird zum Spiegel unseres Wesens. "Oberflächlich mag es so scheinen, als ob die Bezüge vom Menschen willkürlich in den Wind, den Berg usw. hineinprojiziert werden" (Kraus/Schwiersch, a.a.O., 44). Wie kann es dann aber sein, dass viele Menschen mit einer Situation genau die gleichen Assoziationen verbinden?
Um beim Beispiel der Höhle zu bleiben:
"Warum fühlen viele Menschen am Höhleneingang Unheimlichkeit? Warum
erinnert der kalte Luftzug an den Tod? Warum ist es so eine wuchtige Erfahrung, in einer Höhle nur für zehn Minuten allein zu sein oder für zehn Minuten das Licht auszuschalten?" (Kraus/Schwiersch, 1996, 41)
Solche Naturerlebnisse können Begegnungen sein, in denen tiefe Verbundenheit des Menschen mit der Natur entsteht. KRAUS und SCHWIERSCH (a.a.O.) sehen darin eine große Stärke erlebnispädagogischer Ansätze.
1.3 Erlebnispädagogik und ökologische Bildung
Die erlebnispädagogische Praxis wurde immer wieder um neue Elemente erweitert. Dies betrifft sowohl diverse Sportarten (Klettern, Wandern, Mountainbiking etc.), spirituelle Elemente (Schwitzhütten, Talking Stick, Feuerlauf, Vision Quest[1] etc.) oder umweltpädagogische Methoden[2] (Wahrnehmungsübungen, Gewässerökologie, Wildnistechniken, Naturerfahrungsspiele etc.). Auch im Raum Freiburg gibt es bei vielen Anbietern in der Praxis eine enge Verzahnung von Erlebnis- und Umweltpädagogik (z.B. New-institut, Zwerger&Raab GmbH). Viele Institutionen arbeiten mit einer Vielzahl unterschiedlichster Methoden.
Gerade in der Umweltpädagogik ist ein Überfluss an Begriffen und Veröffentlichungen anzutreffen, die selbst in Fachkreisen ständig durcheinander gebracht und vermischt werden. BERCHTOLD und STAUFFER bezeichnen die verschiedenen theoretischen Ansätze als „unzumutbares, begriffliches Wirrwarr“ (ebd., 1997, 42).
Was waren die Anlässe dieser unglaublichen Begriffsvielfalt? Eine sehr erfrischende und amüsante Antwort darauf hat Reinhold LOB:
„Zum ersten sind solche Diskussionen und Differenzierungen ein positives Zeichen vielfältiger Beschäftigung mit der neuen Bildungsaufgabe (…). Nicht zuletzt ist dieses Begriffsgeklapper (aber) auch Ausdruck einer Mischung aus
Ideologieerfinder- und Kleingärtnermentalität: Ich habe etwas Neues erdacht, mache einen großen Zaun darum, und alle anderen draußen haben unrecht!“ (Lob, 1997, 36).
Tatsächlich weisen einige Ansätze große inhaltliche Ähnlichkeiten auf und verfolgen oftmals die gleichen Ziele. Entscheidend ist jedoch, dass alle Ansätze unterschiedliche Antworten auf die Frage geben, wie auf die ökologische Gefährdung reagiert werden soll. Trotz dieser Diskrepanz sind sich die Vertreter der Umweltpädagogik einig, dass über Bildungsprozesse auf die Beziehung zur Natur und somit auch auf einen umweltverträglichen Lebensstil Einfluss genommen werden kann. Um einen umfassenden Überblick zu geben, werden im weiteren Kapitel die wesentlichen geistigen Strömungen in der Umweltpädagogik dargestellt.
Die Ungeborenen haben nicht weniger Anspruch auf den Reichtum dieser Erde als die Lebenden. Während seiner Lebenszeit ist der Mensch bloß ein Verwalter seines Stückes Land; was er von seiner Mutter erbte, muss er an seine Kinder weitergeben. Basil Johnston |
Man hat immer wieder versucht den Begriff Umweltpädagogik einzugrenzen und zu definieren. Dies ist letztendlich aber gescheitert, da Umweltpädagogik eine dynamische Angelegenheit ist, die sich ständig weiterentwickelt (vgl. Kandeler, 2005, 13).
„Wenn Umweltpädagogik in Ermangelung theoretischer Präzision als behelfsmäßiger Oberbegriff für Erziehung und Bildung im Umweltbereich dienen soll, dann sind darunter Umweltbildung, Umwelterziehung, Mitwelterziehung, Ökopädagogik, ökologische Pädagogik, ökologisches Lernen und naturbezogene Pädagogik zu subsumieren“ (Berchtold/ Stauffer, 1997, 42). KANDELER konkretisiert dies weiter: „Letztlich lässt sich zur Umweltpädagogik jede pädagogische Maßnahme zählen, die in irgendeiner Form Natur und Umwelt einbezieht. Umgekehrt zählt jede Umweltschutzmaßnahme zur Umweltpädagogik, die direkt oder indirekt auf einen pädagogischen Effekt abzielt“ (Kandeler, a.a.O., 13).
Umweltpädagogische Maßnahmen verfolgen zwei klare Ziele:
Ø Die Erziehung des Menschen zu umweltfreundlichem Verhalten
Ø Umwelt- und Naturschutz
und sie richten sich an alle Menschen, vom Kleinkind bis zum Hochaltrigen (vgl. Kandeler, a.a.O., 14).
Umweltpädagogik gibt es seit rund dreißig Jahren. Sie entstand Anfang der siebziger Jahre durch die pädagogische Auseinandersetzung mit den zunehmenden Umweltzerstörungen (vgl. Kandeler, 2005, 15). Die politischen Anfänge bildet der 1972 vom „Club of Rome“[3] vorgelegte Bericht „The limits of growth“[4]. Dieser Bericht enthielt eine umfassende Zukunftsanalyse und beschreibt im Wesentlichen zwei Trends: „die beschleunigte Industrialisierung und ein rasant fortschreitendes Bevölkerungswachstum, aus denen sich die Ausbeutung der begrenzten Rohstoffreserven, eine Zerstörung des Lebensraumes und weltweite Unterernährung ergeben“ (Muff, 1997, 45).
Anlässlich dieses Berichts veranstalteten die Vereinten Nationen 1972 in Stockholm eine Konferenz über die „Umwelt des Menschen“. Diese stellte die ersten Überlegungen zur Umwelterziehung im Bildungswesen an. 1977 folgte die erste zwischenstaatliche Konferenz der UNESCO[5] in Tiflis/ Georgien (vgl. Lob, 1997, 8f). Umwelterzieherische Ansätze aus 80 Ländern wurden zusammengefasst und Strategien zu einer weltweiten Durchsetzung entwickelt (vgl. UNESCO-Kommission, 1979, 73f).
1.3.2 Umwelterziehung und Umweltbildung
Die konventionelle Umwelterziehung ist mittlerweile gesetzlich geregelt und somit die Umsetzung eines staatlichen Auftrages (vgl. Kandeler, 2005, 24). Ihre Ziele sind damit abhängig von der Umweltpolitik. „Ziel der Umwelterziehung und der Umweltbildung ist das Vermitteln von Kenntnissen über die Natur und Umwelt, über Umweltverschmutzung und –zerstörung sowie über Natur- und Umweltschutz“ (Kandeler, a.a.O., 24). Dabei enthält Umwelterziehung stets zwei Komponenten: „Sie soll einerseits relevantes Wissen entwickeln mit dem Ziel der Bewusstseinsveränderung, und andererseits will sie auf das Handeln einwirken“ (Eulefeld, 1981, 100)
Der Begriff „Umwelterziehung“ war die direkte Übersetzung des seit der Stockholmer Konferenz 1972 bekannt gewordenen anglo-amerikanischen Begriffs „Environmental Education“, wobei die Übersetzung des Wortes „Education“ mit dem deutschen Wort „Erziehung“ vielen zu kurz griff. Der englischsprachige Begriff „Education“ wird als Oberbegriff im Sinne von „Bildung“ für alle Erziehungs- und Bildungsvorgänge in jedem Lebensalter verwendet. Der deutsche Begriff „Erziehung“ hingegen beschränkt sich hauptsächlich auf die elterliche und schulische Erziehung (vgl. Lob, 1997, 36).
„1980 fasste die deutsche Kultusministerkonferenz erstmals den Beschluss, Umwelterziehung an den Schulen in der Bundesrepublik Deutschland einzuführen. Seit 1982 ist Umwelterziehung Bestandteil der Lehrpläne an deutschen Schulen“ (Kandeler, a.a.O., 15f). Daher fand Umwelterziehung zu Beginn nur in der Bildungseinrichtung Schule statt (vgl. Kandeler, a.a.O., 24).
Eine Fülle von Fakten macht die Umsetzung der Umwelterziehung in der Schule jedoch schwer:
Ø Schulen im Stadtbereich erreichen freie Landschaft meist nur mit großem zeitlichen und finanziellem Aufwand;
Ø Lehrpläne mit einer Fülle verbindlicher Lernziele engen den pädagogischen Freiraum des Lehrers stark ein;
Ø Aussagen zum Umweltschutz berühren häufig politische Grundeinstellungen;
Ø Viele Lehrer scheuen den Unterricht im Freien, da sie sich aufgrund fehlender Ausbildung und Anleitung oft unsicher fühlen (vgl. Dietzen/Thiele, 1993, 14).
Somit war es möglicherweise nicht zufällig, dass das Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl ein Symposium durchführte und den Begriff Umwelterziehung durch den der Umweltbildung ersetzte. Die Zielgruppe umwelterzieherischer Maßnahmen wurde damit um die Bereiche Jugend, Erwachsene, Wissenschaft und Berufsausbildung erweitert und hielt in allen Bereichen des deutschen Bildungssystems Einzug (vgl. Breß, 1994, 85). Neben Akademien, Kirchen, Volkshochschulen Vereinen und Umweltzentren, beteiligen sich mittlerweile größere Umweltschutzverbände an der Umweltbildung, wie der WWF[6], Greenpeace, NABU[7], BUND[8] und die Schutzgemeinschaft deutscher Wald (vgl. Corleis, 2000, 20f).
Diese begriffliche Wandlung zeigte auch Tendenzen zu einer inhaltlichen Veränderung. Die aktuelle Entwicklung der Umweltbildung ist stark vom Leitbild der Agenda 21 geprägt. Diese wurde 1992 in Rio de Janeiro von 179 Staaten verabschiedet und beinhaltet konkrete Ziele von Umweltbildung, vor allem die Forderung einer Ausrichtung zur „Nachhaltigkeit“.
Das Umweltministerium Baden-Württemberg definiert diesen Begriff wie folgt:
„Nachhaltige Entwicklung beschreibt ein umfassendes gesellschaftliches Modernisierungskonzept, das auf langfristige Sicherung der ökologischen, ökonomischen und sozialen Lebensbedingungen auf der Erde abzielt. Es verbindet weitsichtiges, intelligentes Wirtschaften mit einer schonenden Nutzung und dem Schutz von Umwelt und Natur sowie den ethischen Ansprüchen von sozialer Gerechtigkeit und individuellem Wohlergehen heute und in Zukunft“ (http://www.um.baden-wuerttemberg.de/servlet/is/3942, 01.10.07).
Nach der Auffassung des Rates von Sachverständigen für Umweltfragen (SRU) bedeutet dies bezogen auf Umweltbildung „die Notwendigkeit einer Gesamtvernetzung der kulturellen Bedürfnisse und Absichten mit der Natur“ (vgl. Corleis, a.a.O., 11- 15). Kein anderer Ansatz in der Umweltpädagogik wurde so stark zum Gegenstand von Kritik wie die Umwelterziehung. Viele Kritiker halten die konventionelle Umwelterziehung für einseitig, da es nur um problemorientierte, sachliche Wissensvermittlung geht und emotionales Lernen zu kurz kommt (vgl. Kandeler (2005), Beer/de Haan (1984), Kleber (1993), Göpfert (1994)).
„Ursprünglich wurde angenommen, dass es eine Kausalkette gäbe, d.h. dass aus Umweltwissen bereits Umweltbewusstsein folge und daraus ein umweltgerechtes Verhalten resultiere“ (Nutz, 2006, 19). In einigen Untersuchungen wurde aber gezeigt, dass es keine lineare Ursache- Wirkungs- Kette gibt, sondern vielmehr Werte und Einstellungen ein entscheidender Faktor sind (vgl. Bögeholz , 1999). Darüber hinaus wird in der Umwelterziehung Umweltzerstörung „primär als technisches Problem gesehen, für das es auch technische Lösungen gibt. Tiefere Ursachen im Wesen des Menschen (…) oder im kapitalistischen Gesellschaftssystem (…) werden zwar nicht ausgeblendet, aber immer nur als einzelne Fehlentwicklungen und Auswüchse kritisiert (…). Das Gesellschafts- und Wertesystem als Ganzes wird nicht in Frage gestellt“ (Kandeler, 2005, 24). Durch die kritische Auseinandersetzung mit der Umwelterziehung in den 80er und 90er Jahren entstanden viele neue Ansätze, allen voran die Ökopädagogik, die sozusagen als Gegenposition zur Umwelterziehung verstanden werden kann (vgl. Breß, a.a.O., 81).
1.3.3 Ökopädagogik und ökologisches Lernen
„Die Ökopädagogik ist hervorgegangen aus der Umweltbewegung der siebziger und achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts (…). Die Umweltbewegung propagierte eine Besinnung auf Werte wie Frieden, Harmonie mit der Natur, Abkehr vom Konsumdenken und Materialismus, fairen Welthandel statt Kapitalismus, soziale Gerechtigkeit, Demokratie und Partizipation“ (Kandeler, 2005, 17).
Die Hauptvertreter der Ökopädagogik WOLFGANG BEER und GERHARD DE HAAN sorgten mit ihrem 1984 veröffentlichten Buch Ökopädagogik - Aufstehen gegen den Untergang der Natur für rege Diskussion. Beer und de Haan wollen mit ihrem neuen Ansatz der Ökopädagogik eine tief greifende gesellschaftliche Reflexion anregen.
„Ökopädagogik in diesem Verständnis wendet sich parteilich gegen die Fortsetzung ökonomistisch- technischer Naturausbeutung und der entsprechenden Gesellschaftsstrukturen“ (Beer/ de Haan, 1984, 9). Schon der Titel „Aufstehen gegen den Untergang der Natur“ lässt stark vermuten, dass es sich bei der Ökopädagogik um einen radikalen Ansatz handelt. Sie wurde häufig als „Katastrophenpädagogik“ kritisiert und ihr ist bis heute anzumerken, dass sie ihre Wurzeln in der Protestbewegung hat. Viele Öko-Aktivisten der ersten Stunde waren zuvor Aktivisten der Studentenrevolte in der 68er Bewegung (vgl. Kandeler, a.a.O., 17- 19).
Beer und de Haan kritisieren immer wieder die konventionelle Umwelterziehung und grenzen sich klar gegen diese ab: „Für die Ökopädagogik wurzelt die Krise tiefer als für die Umwelterziehung. (…) Pädagogischer Zwangsernährung mit Wissensstoff und Handlungsanweisungen, der Hierarchie zwischen Lehrenden und Lernenden setzt sie ein dialogisches Verhältnis entgegen“ (Beer/ de Haan, a.a.O., 9).
Beer und de Haan propagieren einen radikalen zukunftsfähigen Wandel des Mensch- Natur- Verhältnisses. Sie sehen in der Naturentfremdung eine wesentliche Ursache für den Verlust des inneren Gleichgewichts des Menschen (vgl. Beer / de Haan, 1984, 83ff). Die Ökopädagogik hat eine kognitive und eine emotionale Ebene: „Auf der kognitiven Ebene vermittelt Ökopädagogik ökologisches Wissen, etwa jenes um globale Zusammenhänge, Naturzyklen und das ökologische Gleichgewicht. Im emotionalen Bereich werden Gefühle bzw. der Umgang mit Gefühlen geübt. (…) Ökopädagogik hat damit eine starke psychologische Komponente“ (Kandeler, 2005, 18). Wegen seiner systemkritischen Inhalte konzentriert sich die Ökopädagogik zwangsläufig auf außerschulische Bildungsträger. Der Ökopädagogik wird häufig vorgeworfen, dass sie ein bloßes Theoriekonzept sei und die konkrete Umsetzung in die pädagogische Praxis nicht zuließe (vgl. Breß, 1994, 103). Das liegt daran, dass die Ökopädagogik sich nicht als Lernkonzept, sondern als Suchbewegung begreift (vgl. Zeitschrift für Erlebnispädagogik, 2005, 24).
Hier setzt ökologisches Lernen an. Ökologisches Lernen versteht sich als Erweiterung der Ökopädagogik und baut auf diese auf. Ökologisches Lernen versucht Beispiele für die praktische Umsetzung in der Umweltpädagogik zu finden und in das theoretische Modell der Ökopädagogik zu integrieren. Beim ökologischen Lernen rückt der Bildungsprozess des Einzelnen in den Vordergrund. Es soll vernetzt und in komplexen Zusammenhängen gelernt werden. Damit sieht sich dieser Ansatz als Alternative zu dem im Bildungssystem vorherrschenden technomorphen Lernen, bei dem gefühlsbetontes, ganzheitliches Lernen zu Gunsten einer linear-logischen Denkweise in den Hintergrund tritt (vgl. Kleber, 1993, 160f).
1.3.4 Naturbezogene Pädagogik und naturnahe Erziehung
Im Gegensatz zur systemkritischen Ökopädagogik stellt die naturnahe Pädagogik (oder auch naturnahe Erziehung) den erlebnisorientierten, positiven Naturkontakt in den Mittelpunkt. Der Schulpädagoge GÖPFERT hat den Kerngedanken dieser Denkrichtung folgendermaßen beschrieben:
„Naturnahe Erziehung und Bildung versuchen dem jungen Menschen einen Zugang zur Natur zu schaffen, indem sie diese als etwas Interessantes und Schönes erfahrbar machen; sie erschließen Natur in der Weise, daß Kinder und Jugendliche diesen Bereich der Wirklichkeit zu ihrer täglichen Erfahrungswelt gehörig empfinden, als einen Lebensbereich, in dem sie sich erholen und stets Neues beobachten und erleben können“ (Göpfert, 1988, 8f).
Wissensvermittlung über Naturzusammenhänge und Umweltzerstörung stehen bei der naturbezogenen Pädagogik eher im Hintergrund und haben lediglich „helfenden Charakter“. Ihr geht es darum, eine „ökologische Ästhetik“ durch „sinnenhafte“ und „ganzheitliche Naturerfahrung“ zu entwickeln. „Faszination, Charme, Anmut, Schönheit, Pfiffigkeit, Witz, Klugheit des Lebendigen, die Einmaligkeit alles Lebendigen sind (dabei) Orientierungspunkte für Kontakte mit der Natur“ (Göpfert, a.a.O., 2).
Gepfert sieht die Grundlage zu umweltbewusstem Verhalten in der „Liebe zur Natur“. „Hier lässt sich auch FIETKAU heranziehen, die 1987 feststellte, dass jedes medial und allgemein vermittelte „Umweltbewusstsein“ keine Konsequenzen im Handeln zeige“ (Zeitschrift für Erlebnispädagogik, 2005, 26). Genau wie Göpfert geht auch sie davon aus, dass man nur schützt, was man zuvor schätzen gelernt hat. Göpferts Pädagogik richtet sich dabei gezielt an Kinder und Jugendliche (vgl. Göpfert, a.a.O., 2-11).
LOB kritisiert GÖPFERT, indem er davon ausgeht, dass diese idealisierte und schwärmerische Sicht einer „unversehrten Natur“, wie sie Göpfert beschreibt durch die vielen Eingriffe des Menschen nicht mehr existiert. Kulturelle Erfahrungsbereiche junger Menschen blieben dabei völlig ausgeblendet. Was jedoch an Göpfert`s Ansatz völlig neu ist, und das bewertet Lob positiv, ist der individuelle, erlebnisorientierte Ansatz einer Naturästhetik, der einer ständig zunehmenden Naturentfremdung[9] junger Menschen entgegenwirke (vgl. Lob, 1997, 42).
Die Idee der Rucksackschule stammt ursprünglich von dem Modellprojekt „Rucksackschule Harz“, das von 1985 bis 1987 durchgeführt wurde. Der Initiator dieses Projekts war GERHARD TROMMER. Seine Idee entstand bei einem Aufenthalt im Yosemite Nationalpark in den USA. Dort nahm Trommer an einem Kurs der Umwelterziehungseinrichtung „Yosemity Institute“ teil. Zwei Tage war er mit einer Schulklasse und ihren Lehrern als „nature interpreter“ unterwegs. Der „nature interpreter“ hat die Aufgabe, wie ein Dolmetscher die Sprache der Natur für uns zu übersetzen. Den Begriff Naturinterpretation gibt es im deutschen nicht. Er stammt aus den USA und bezeichnet die „Öffentlichkeitsarbeit im Nationalparkservice“ (vgl. Trommer, 1991, 7-15).
TROMMER hat die amerikanische Naturinterpretation wie folgt beschrieben:
„Die amerikanische Naturinterpretation (…) orientiert sich zwar auch an der Didaktik der Ökologie, geht aber darüber hinaus: Sie fordert, Naturerscheinungen kreativ auszulegen, dabei Analogien, subjektive Empfindungen, Wertungen und Akzentuierungen zu fördern und die Verständigung darüber (…) anzuregen“ (Trommer, a.a.O., 14).
Trommer war sehr beeindruckt von der amerikanischen Naturinterpretation. Die Erlebnisse, die er im Nationalpark machte, gaben ihm Anstoß, eine ähnliche Einrichtung in Deutschland zu gründen. Durch die Hilfe der Heimvolkshochschule und des WWF konnte in Gosslar die „Rucksackschule Naturpark Harz“ eingerichtet werden. Die Idee der Rucksackschule glich einer mobilen Umweltbildungseinrichtung. Es sollten möglichst einfache Lernmaterialien verwendet werden, die im Rucksack mitgeführt wurden.
Dabei bilden vier verschiedene Erfahrungsebenen die Grundlage der Didaktik der Rucksackschule:
(Trommer, 1991, 20).
Bei der ersten Ebene geht es darum, die Natur ganzheitlich sinnlich wahrzunehmen. Durch verschiedene Wahrnehmungsübungen wie z.B. durch verbundene Augen soll die Sensibilität für die Natur gesteigert werden.
In der zweite Ebene soll durch beobachten, beschreiben und experimentieren ein methodisches Annähern an Natur erfolgen. Dies soll durch einfache Erkundungsübungen oder gestalterische Mittel erreicht werden.
Bei der dritten Ebene geht es um die „Selbstinstruktion“. Mit Hilfe einfacher Modelle und verschiedener Ökologiespiele sollen abstrakte ökologische Sachverhalte, wie z.B. die Photosynthese vermittelt werden. Dabei sollen mit Instruktionsmaterialien, wie Bestimmungskarten, Symbole, Steckschilder oder Wäscheklammern einfache Modelle im Gelände aufgebaut werden.
Bislang erreichtes ökologisches Bewusstsein soll in der vierten Ebene zur Umsetzung führen. Durch verschiedene Übungen und Handlungsanreize soll umweltverträgliches Handeln gefördert werden (vgl. Trommer, a.a.O., 20-25).
Corleis führt als Kritik an, dass es schwierig sei, die vierte Ebene umzusetzen:
„Bei einer Rucksackwanderung sind kaum Handlungsmöglichkeiten vorhanden, wo das bisher erlangte Bewusstsein umsetzbar währe. Auch wird bezweifelt, dass nach der sehr kurzen Rucksackschulzeit (in der Regel beträgt diese einen Tag) ein ökologisches Bewusstsein zu erzielen ist“ (Corleis, 2000, 37).
„In den siebziger Jahren hat der amerikanische Naturpädagoge Joseph Bharat Cornell mit einer Vielzahl von Spielvorschlägen zum Naturerleben auf sich aufmerksam gemacht. Diese sind in der deutschen Umweltbildungsarbeit auch als Naturerfahrungsspiele bekannt geworden“ (Corleis, 2000, 41).
Diese Naturerfahrungsspiele bauen auf der Theorie des „Flow Learning“ auf. Ziel des Flow Learning ist die Freude an der Naturbegegnung und der Aufbau einer harmonischen Naturbeziehung. In vier verschiedenen Phasen soll dabei intensives Naturerleben stattfinden, wobei jede Phase auf der vorherigen aufbaut. Zu jeder Phase hat Cornell unterschiedliche „Naturerfahrungsspiele“ mit dazugehörigen Tiersymbolen entwickelt, die nun folgend in einer Grafik dargestellt werden.
Abb.1: Die vier Phasen im Flow Learning (aus Corleis, 2000, 42)
Phase eins baut auf dem kindlichen Spieltrieb auf. Es geht darum gemeinsam Spaß zu erleben und somit eine Atmosphäre der Begeisterung und Nähe zu schaffen. Gleichzeitig soll Passivität überwunden werden. Ob das Ziel dieser Phase erreicht ist, erkennt man daran, dass alle mit Begeisterung dabei sind und keiner gelangweilt am Rand steht. Cornell entwickelte diese „Spielstufe“ aus der Beobachtung heraus, dass viele Menschen Neuem gegenüber verschlossen sind und oft innerhalb weniger Minuten entscheiden, ob sie Spaß an einer Sache haben werden. Daher sollte gerade die erste Aktivität mit einer Gruppe sorgfältig ausgewählt werden, um die Gruppe dort abzuholen, wo sie steht. Mit der Spielstufe „Begeisterung wecken“ habe Cornell selbst sehr skeptische Gruppen schon motivieren und zum Mitmachen überzeugen können. Als Symboltier wurde der Fischotter gewählt, weil dieser als einziges Tier während seines ganzen Lebens spielt (vgl. Cornell, 1991, 29 und 46).
Das Symbol des Adlers steht für die Konzentration in Phase zwei. Ziel ist es, die entspannte und fröhliche Atmosphäre aus Phase eins auf den Punkt zu bringen. Dies soll mit Spielen erreicht werden, die helfen die Wahrnehmung zu stärken und voll bei einer Sache zu sein. Die Besonderheit der Spiele liegt darin, die einzelnen Sinne, wie Sehen, Hören, Riechen zu isolieren und somit die Reizaufnahme zu reduzieren. Die Konzentrations-Phase soll dazu beitragen, dass Menschen besser beobachten lernen und eine bessere Aufnahmebereitschaft für gefühlvolle Naturerfahrungen entwickeln (vgl. Cornell, a.a.O., 32ff).
Die dritte Phase ist das wichtigste Element im Flow-Learning Konzept. Durch die unmittelbare Naturerfahrung soll sich direktes und intuitives Verstehen für die Natur ergeben. Ziel dieser Phase ist, die persönliche Verantwortung für ökologische Ideale und den Sinn für Mitgefühl und Liebe zu entwickeln. Dies könne, so Cornell nur durch die direkte Erfahrung geschehen, weil nur diese in der Lage sei, Menschen wirklich zu berühren. Da Bären von Natur aus neugierig und ruhig sind, dienen sie als perfektes Symbol für die offene und direkte Naturerfahrung in der dritten Phase (vgl. Cornell, a.a.O., 36ff). In der letzten Phase geht es darum, andere an den eigenen Erfahrungen teilhaben zu lassen und zu einem Austausch zu kommen. „Die einfachen Aktivitäten dieser Stufe geben dem Tag Ganzheit und Geschlossenheit“ (Cornell, a.a.O., 40).
Durch die Reflexion des Erlebten sollen die eigenen Erfahrungen der Teilnehmer verstärkt werden und die Leitung eine Rückmeldung bekommen. Cornell wählt für die vierte Phase symbolisch den Delphin als geselliges und intelligentes Tier, das uns zu neuen Ideen anregen kann (vgl. Cornell, a.a.O., 40ff). Das Flow Learning läuft in einem dynamischer Prozess durch die Interaktion zwischen Natur, Gruppe und Leitung. „Das Einzigartige an Flow Learning ist, dass es die Phasen plant, die jemand durchlaufen sollte, um in die geistige Verfassung zu geraten, die tiefe und direkte Erfahrung erst ermöglicht. Es ist eine Methode, Menschen zu helfen für die Natur empfänglich zu werden und zwar so schnell und wirkungsvoll wie möglich“ (Cornell, a.a.O., 45).
1.3.7 Naturerlebnispädagogik und Naturpädagogik
„Die Naturerlebnispädagogik (oder auch Naturpädagogik) hat ihre Wurzeln in der langen Tradition von Naturfreunden und Naturschützern“ (Kandeler, 2005, 21). Ihr geht es vor allem darum, die Liebe zur Natur zu wecken und damit das Bedürfnis, sich für sie einsetzen zu wollen. Im Mittelpunkt stehen nicht Umweltprobleme, sondern die Schönheit und Vielfältigkeit der Natur (vgl. Kandeler, a.a.O., 21). Das Naturerlebnis, das dabei als Methode eingesetzt wird beschreibt MAASSEN wie folgt: „Naturerleben ist eine pädagogisch vermittelte Begegnung von Mensch und Natur in der Absicht, intensive Gefühlseindrücke hervorzurufen“ (Maassen, 1993, 181).
„Die Naturerlebnispädagogik betrachtet das Erleben von Natur als unbedingte Vorraussetzung für eine gesunde und natürliche Entwicklung des Menschen. (…) Er verkümmert sensorisch und emotional, wenn er sich der Natur entfremdet“ (Kandeler, a.a.O., 21). Landschaft wirkt aus der Sicht der Naturpädagogik also heilsam, sie ist wie Medizin für den Menschen. Die Naturpädagogik geht davon aus, dass der Mensch zu sich selbst findet, wenn er im Einklang mit der Natur lebt. „Die Begegnung mit der Natur (…) soll dabei helfen, sich über Vorgänge in der eigenen Seele bewusst zu werden. Die Natur fungiert (hier) als Spiegel der Seele“ (Kandeler, a.a.O., 21).
So ist es nicht verwundernswert, dass sich in der Naturerlebnispädagogik vereinzelt esoterische und spirituelle Elemente finden. Naturmeditation und Entspannungsübungen sind beispielsweise bedeutende Elemente der Naturerlebnispädagogik. Die Schulung der Sinne und der Wahrnehmung sind dabei besonders wichtig. Diese werden als Gegenmittel zur Naturentfremdung (siehe auch 2.5.2) eingesetzt (vgl. Kandeler, a.a.O., 21- 22).
An der Naturerlebnispädagogik wurde häufig kritisiert, dass sie sich nur auf positive Naturerfahrung beschränke und damit das Bewusstsein über Umweltprobleme verdränge. Daher hat „die Naturerlebnispädagogik (inzwischen) ihr Spektrum erweitert: Auch die Wahrnehmung von Umweltzerstörung soll geschult werden, wie das Erkennen von Waldschäden oder die ökologisch korrekte Deutung einer saftigen- natürlich aussehenden Wiese voller Löwenzahn“ (Kandeler, 2005, 23). Die Naturerlebnispädagogik nimmt heute in der Umweltpädagogik eine wichtige Stellung ein, weil es mittlerweile als erwiesen gilt, dass sich Naturerfahrung positiv auf Umwelthandeln auswirkt und gleichzeitig Naturentfremdung entgegenwirkt (vgl. Lob, 1997, 125).
CORLEIS (2000) hat die Bedeutung von Naturerlebnissen in der Schule untersucht und konnte zeigen, dass Naturerlebnispädagogik Lernprozesse beinhalten kann. Weiter beschreibt er: „Die Naturbegegnung entspricht dabei der sensorischen Reizaufnahme der Umwelt als primäre Stufe zu vielseitigen Lernprozessen. Da es sich um eine originale Begegnung von Natur handelt, werden vielfältige Reize ausgelöst und Sinne angesprochen“ (Corleis, 2000, 59). Entscheidend ist für ihn hierbei die Qualität des Naturerlebens, so schreibt er weiter: „Um intensives Lernen (…) herbeizuführen, muss Naturerlebnispädagogik einen Rahmen schaffen, in dem Erlebnisse selbsttätig ermöglicht und solange reflektiert und verarbeitet werden, bis sie zu eigenen Erkenntnissen (…) werden“ (Corleis, a.a.O., 59).
Für die Praxis bedeutet das, dass Erlebnisse für sich stehen müssen. In der Naturpädagogik muss es einen Raum geben, in dem jeder Einzelne Naturerfahrungen aufgrund gegebener oder aufkommender Situation machen kann. Dies kann das Überwinden von Gewässern auf Wanderungen sein, ein plötzlich auftretendes Gewitter oder die Begegnung mit einer Schlange. Das abendliche Lagerfeuer bietet anschließend eine Möglichkeit diese Erlebnisse in geführter Weise zu reflektieren. Das Erlebnis in der Natur kann somit zu einer Lernerfahrung werden, die zu einem tieferen Verständnis der Natur führt (vgl. Lob, 1997, 123).
1.4 Zur Verknüpfung erlebnis- und umweltpädagogischer Ansätze
Ziel der Erlebnispädagogik ist die Bildung der Persönlichkeit. Ziel der Umweltpädagogik ist die Erziehung des Menschen zu umweltgerechtem Verhalten. Um eine Antwort darauf zu finden, ob diese beiden Ansätze voneinander profitieren können, werde ich mich im Folgenden mit drei Fragen beschäftigen:
Zur Beantwortung der ersten Frage ist bereits viel geschrieben worden (Muff, 1997; Breß, 1994; Kölsch, 2004; Heckmair/Michl, 1993). Man ist sich in Fachkreisen längst darüber einig, dass Erlebnispädagogik sich intensiv mit ökologischen Gesichtspunkten auseinandersetzen muss, wenn sie ihre Glaubwürdigkeit nicht verlieren will. Eine große Gefahr in der Erlebnispädagogik besteht in der Überbewertung der Handlungselemente. Schnell stehen nur noch Spaß, Action und „laute Elemente“ im Vordergrund und die Auseinandersetzung mit ökologischen Fragen gerät in den Hintergrund (vgl. Muff, 1997, 137).
Man hofft und vertraut zu oft darauf, dass sich die richtige Einstellung zur Natur so nebenbei ergibt. Doch das ist ein gefährlicher Trugschluss. Durch diese Einstellung kann die reine Event-Erlebnispädagogik ähnlich wie der Massentourismus noch zur Umweltzerstörung und zum Rückgang natürlicher Lebensräume beitragen. Um diese Entwicklung zu vermeiden, ist es wichtig ökologische Bildungsarbeit in erlebnispädagogische Konzeptionen zu integrieren (vgl. Muff, 1997 und Breß, 1994).
Derzeit findet diese Integration in zwei Bereichen statt:
Zum einen bei der Planung von erlebnispädagogischen Aktionen durch die Einhaltung ökologisch relevanter Aspekte (wie z.B. Ernährung, Transport, Abfall etc). Zum anderen auf dem Stand der sachlichen Vermittlung und Thematisierung von ökologischen Zusammenhängen und umweltgerechtem Verhalten. Dies ist ein erster wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Ich bin jedoch der Meinung, dass dem ersten Schritt ein zweiter folgen muss, nämlich indem die ästhetische Naturbegegnung stärker ins Zentrum der Erlebnispädagogik rückt und Ökologie als solche einen Erlebniswert erhält.
Erlebnispädagogik verspricht reizvolle Aktionen und „Abenteuer“, was gerade auf Jugendliche motivierender wirkt als die Durchführung von „Naturerfahrungsspielen“. Hierin liegt eine große Stärke der Erlebnispädagogik. Hat man die Jugendlichen einmal für sich gewonnen, können im Rahmen erlebnispädagogischer Aktionen wertvolle Naturbegegnungen stattfinden. Werden diese entsprechend aufgegriffen und reflektiert, können sie so zu einem veränderten Bewusstsein führen.
Darüber hinaus bieten sich für die Umweltpädagogik „erfahrungs- und handlungsorientierte Methoden an, die in der Erlebnispädagogik seit langem erprobt und konzeptionell ausgereift sind. (…) gerade Defizite in diesem Bereich werden in der Fachdiskussion zur Umwelterziehung immer stärker herausgestellt und zu minimieren versucht“ (Muff, a.a.O., 150).
Diese Frage zu beantworten ist weit aus schwieriger, denn mit ihr verbindet sich auch die Frage nach Werten und Einstellungen. Aus meiner Sicht gehört zur Persönlichkeitsbildung auch die Förderung eines umweltverträglichen Lebensstils. Dies erfordert Sensibilität, Verantwortungsbewusstsein und die Fähigkeit eigene Bedürfnisse hinten anstellen zu können. Nicht umsonst wird Umweltpädagogik schon lange erfolgreich in der Suchtprävention eingesetzt. Was Naturerlebnisse im Rahmen der Persönlichkeitsentwicklung noch alles leisten können, wird in Kapitel 2.8 eingehend diskutiert. Darauf hinführend werde ich die Beziehung des Menschen zur Natur im folgenden Kapitel näher beleuchten.
Die Sorge um die Flüsse ist keine Frage der Flüsse, sondern eine des menschlichen Herzens. Tanako Shozo (jap. Naturschützer) |
„Der Mensch ist nicht außer der Natur, er kann nur in ihr existieren“. Dieser Satz stammt von Hubert Markel. Er macht damit deutlich, dass die Beziehung des Menschen zur Natur maßgeblich von seiner Abhängigkeit zu ihr gekennzeichnet ist. Der Mensch ist ein Naturwesen und somit immer abhängig von der Natur. Von ihrem Zustand hängt sein Überleben ab:
Der Mensch bleibt „immer an seine biologischen Grundlagen gebunden: Er braucht Luft zum Atmen, Wärme, Nahrung und Wasser“ (Seel, 1993, 94). In der Wissenschaft hält die Idee der Erde als ein einziger, großer, lebendiger Organismus unter dem Namen „Gaia-Hypothese“ Einzug (vgl. Lovelock, 1991). Danach steht alles Lebendige auf der Erde in gegenseitiger Abhängigkeit. Das heißt für den Menschen, egal wie er im Bezug auf seine Umwelt handelt, es wird immer auf ihn selbst zurückfallen.
„Die menschliche Gesundheit ist auf unvergiftetes Wasser, Schutz vor UV-Strahlen, eine schadstoffreie Luft, einen Boden, der unproblematisch genießbare Lebensmittel hervorbringt und vieles mehr angewiesen“ (Seel/ Sichler, 1993, 20). „Diese Abhängigkeit macht es für ihn praktisch notwendig, effiziente und sinnvolle Regelungen für die Auseinandersetzung mit der Natur zu finden“ (Seel, a.a.O., 94).
Die zerstörenden Eingriffe des Menschen in die Natur machen nicht nur dem Menschen selbst zu schaffen. Sie nehmen in einem Maße zu, dass die weitere Existenz des Lebens auf der Erde in Frage gestellt ist. Am deutlichsten zeigt sich dies im Artenschwund:
„Neueste Erhebungen gehen davon aus, dass die derzeitige Aussterberate von 3 bis 130 Arten pro Tag um den Faktor 100 bis 1000 über dem natürlichen Wert liegt. Von den weltweit untersuchten Arten sind laut Roter Liste der Weltnaturschutzunion IUCN (2006) beispielsweise eine von drei Amphibienarten, ein Viertel aller Säugetier- und Nadelbaumarten sowie jede achte Vogelart gefährdet“ (http://www.wwf.de/unsere-themen/artenschutz/bedrohte-tiere-und-pflanzen, 01.10.2007).
Der Einfluss des Menschen auf die Natur zeigt sich auch im weltweiten Anstieg des CO² Ausstoßes, der Verschlechterung der Luftqualität und in der Verseuchung von Böden und Grundwasser. Das Umweltministerium Baden-Württemberg schreibt dazu: „Weit über 100 Jahre Produktion, Verarbeitung und Konsum von industriellen und gewerblichen Produkten und die Beseitigung entstandener Abfälle haben ihre Spuren im Boden und Grundwasser hinterlassen. Gefährliche Stoffe sind dabei durch Unkenntnis und Nachlässigkeit, manchmal auch durch unbewusstes Handeln im Untergrund entsorgt worden und versickert“ (http://www.um.baden-wuerttemberg.de/servlet/is/1798, 01.10.07).
Göpfert (1994) nennt für dieses Handeln folgende Gründe:
„Der Mensch der modernen Industriegesellschaft lebt nicht mehr im Einklang mit der Natur. Die wirtschaftlichen Strukturen von hochindustriellen Gesellschaften zerstören in ihrer ausbeuterischen Tendenz mit umfassender Totalität und zunehmender Geschwindigkeit die Natur“ (Göpfert, 1994, 5).
Längst kann also nicht mehr von einer einseitigen Anhängigkeit des Menschen von der Natur gesprochen werden. Wir haben es geschafft, das Überleben der Natur von uns und unserem Verhalten abhängig zu machen - leider in äußerst negativer Art und Weise. Die Beobachtung, die HUBERT MARKL schon 1986 machte, dringt mittlerweile immer mehr in unsere Köpfe vor:
„Die lebendige Natur ist kein gegen jeglichen Angriff immunes, stabiles System, dem der Mensch nichts anzuhaben vermag. Natur ist viel empfindlicher, als wir glaubten, das Leben viel verletzlicher, als wir dachten“ (Markl, 1986, 318).
Kinder kennen oft ein dutzend Automarken, aber kaum mehr als zehn Wildpflanzen. Wer nur Cola drinkt und allenfalls mal einen argentinischen, glatt polierten Apfel isst, weiß gar nicht wie Äpfel etwa aus heimischen Streuobstwiesen schmecken. Karin Blessing |
Der Soziologe BAHRDT hat darauf hingewiesen, dass uns unsere heutige Welt immer mehr dazu zwingt, darauf zu verzichten, die Sache, die wir tun, unmittelbar anzuschauen oder zu erkennen. Wir sind immer mehr auf Zeichen und Signale angewiesen, mit denen die eigentliche Sache stellvertretend mitgeteilt wird (Bahrdt, 174f, in Vester, 1976, 262f).
Statt das Wasser aus der Tiefe eines Brunnens zu holen, ein Gefühl für das Grundwasser und sein Absinken oder steigen zu bekommen, statt die Schwere des Wassers beim Tragen zu spüren, drehen wir an einem Hahn und lassen das Wasser einfach laufen. Wie sollen wir so noch irgendetwas von der Kostbarkeit dieses Elements spüren?
„Wir haben im Zuge des technischen Programms weitgehend gelernt, die Natur zu manipulieren. Die Grundhaltung gegenüber der Natur ist, daß wir sie regulieren und zu unseren Zwecken nutzen“ (Böhme, 1993, 32). Unsere Lebensmittel sind gentechnisch verändert, homogenisiert, ultrahocherhitzt, gefriergetrocknet, konserviert, pulverisiert, gefärbt, geschmacklich verändert und haben oft einen langen Weg hinter sich.
Durch den technischen Fortschritt haben viele nicht mehr die Möglichkeit sich an der Sache selbst zu orientieren. Gerade deswegen ist die Hilflosigkeit oft groß, wenn einmal irgendetwas von dieser technischen Umwelt versagt (vgl. Vester, 1976, 262f).
BÖHME (1993) hat diese zunehmende Hilflosigkeit als „Vertrauenskrise“ bezeichnet. Er beschreibt in umfassender Weise, wie die Natur als vertrauensstiftende Instanz in unserem Alltag verschwunden ist und sich eine tiefe Verunsicherung in unserem Verhältnis zur Natur breit gemacht hat.
Der Mensch hat die Gefahr einer Isolierung auf sich genommen, die ihn immer mehr dem Diktat der von ihm entwickelten Techniksysteme aussetzt. Vielfach wird hier auch von einer „Entsinnlichung des Mensch- Natur- Verhältnisses“ gesprochen (vgl. Altner, 1991, 12ff). Damit ist gemeint, dass unser Leben bei gleichzeitiger Überschüttung künstlicher Reize (wie Leuchtreklamen, ständige Musikberieselung, überheizte Räume, Straßenlärm etc.) an einer zunehmenden Verarmung natürlicher Reize leidet. Die Reizüberflutung der technischen Welt, der wir im Alltag ausgesetzt sind, führt nach der Meinung vieler Experten zum Dauerstress (vgl. Kalff, 2001, 41 und Vester, 1976).
Der Mensch entfremdet sich also immer mehr von der Natur. Als einen Grund für diese „Naturentfremdung“ nennt BRUNNER den Machtanspruch des Menschen über die Natur. Einen Niederschlag dieses Dominanzstrebens kann man in der biblischen Forderung „macht euch die Erde untertan“ (1.Mose 1,28) sehen. „Durch dieses Streben nach Dominanz wird Distanz geschaffen. Distanz zum Mitmenschen bedeutet Isolierung; Distanz zur Natur entfremdet uns dieser gegenüber“ (Brunner, 1987, 176).
Als weiterer Grund für die Verdrängung der Naturverbundenheit in der menschlichen Existenz gilt das vorherrschende naturwissenschaftliche Naturbild. Die Natur figuriert im naturwissenschaftlichen Erkennen nur als Objekt und wird auf ihre technischen Nutzungsmöglichkeiten reduziert (vgl. Altner, 1991, 11ff). Der Mensch wird in dieser Weltanschauung bewusst aus der Natur herausgehoben. Er ist nicht mehr nur Teil der Natur, sondern Gegenüber der Natur. „Damit wird er mit sich selbst in Widerspruch gesetzt (Naturparadox). Natur wird vor diesem Hintergrund nur noch als Restgröße dessen verstanden, was der Mensch in seiner sich selbst zugeschriebenen Sonderstellung mit Beschlag belegt“ (Brämer, 2006, 163).
Besonders deutlich lässt sich der Prozess der Naturentfremdung am Beispiel der jungen Generation veranschaulichen. Zwei Studien, der >Jugendreport Natur `97< und sein Nachfolgereport aus dem Jahre 2003 haben durch empirische Erhebungen gezeigt, dass das Wissen junger Menschen über alltägliche Naturerscheinungen in hohem Maße lücken- und fehlerhaft ist. Ihr Interesse an natürlichen Zusammenhängen nimmt kontinuierlich ab (vgl. Brämer, 2006, 10). Mehr zum Thema Jugend und Natur dargestellt an der aktuellen Erhebung von 2006 wird in Kapitel 2.6. erläutert. ZINN geht davon aus, dass sich Naturentfremdung im Kleinkindalter auf die soziale Entwicklung auswirkt: „Ein Kind, das nur in der Kunstwelt menschlicher Zivilisation aufgewachsen ist, in der Welt der Technik und Maschinen, die auf Knopfdruck jede beliebige Reaktion hervorbringen können, wird leicht dazu neigen, die gesamte gesellschaftliche Umwelt (…) für beliebig manipulierbar zu halten“ (Zinn, 1980, 26). Zuverlässige, wissenschaftliche Beweise gibt es zu dieser Annahme leider noch nicht.
Schönheit ist der Sinn der Welt Schönheit genießen, heißt die Welt zu verstehen Otto Julius Bierbaum |
Zunehmend strömen Menschen in ihrer Freizeit und im Urlaub in unberührte und natürliche Landschaften. Trekkingreisen und Outdoorerholung boomen. In der Reiseanalyse für 2004 des Studienkreises für Tourismus und Entwicklung gaben 54% der deutschen Befragten „Natur erleben“ als wichtiges Reisemotiv an. Für 84% der Befragten ist eine intakte Umwelt sehr wichtig für die Urlaubszufriedenheit (Kösterke/ Lassberg, 2005, 8). „Natur erleben“ ist zu einem zentralen Reisemotiv geworden. Außerhalb der eigenen vier Wände und fern vom grauen Alltag wird das Grüne gesucht, die idyllische Landschaft und die freie unberührte Natur“ (Schweis, 1993, 200). In der Natur können wir uns vom Stress in dicht bevölkerten und lauten Städten erholen. Nicht umsonst liegen Kuranstalten und Psychiatrien oft in landschaftlichen Umgebungen oder inmitten von Parks und schönen Gärten. In der Natur finden wir Erholung und können abschalten vom Stress der Zivilisation.
BÖHME (1993) geht davon aus, dass das Wesen des Menschen ein ästhetisches Bedürfnis nach Natur hat. Natur als ästhetisches Thema ist im Wesentlichen in der Neuzeit auf dem Hintergrund der Last der Zivilisation aufgetreten. Die Natur als ästhetischer Pol war demnach schon immer Gegenpol zur Zivilisation. Somit ist die Sehnsucht des Menschen nach Naturbegegnung eine Suche nach dem „Anderen“, nach etwas, das nicht Ergebnis seines Schaffens ist. In der Zivilisation begegnet der Mensch ja immer nur sich selbst und seinen Produkten. Die „Selbsttätigkeit“ der Natur sei also das Entscheidende, wonach unsere Sehnsucht verlangt (vgl. Böhme, 1993, 34f).
„Natürliche Erscheinungen unterliegen (aber) nicht nur der Selbststeuerung, sie haben sich in ihrer Selbstbewegung auch besonders effektiv auf die Spielregeln ihres Ökosystems eingestellt. Wir nehmen dies als „natürliche Harmonie“ wahr, als „gelungene Gestalt“ (Kuckhermann, 1993, 45). Diesen Aspekt nennt BÖHME die „Sehnsucht nach Naturformen“. Überall umgeben wir uns damit. Angefangen bei der Maserung von Oberflächen, Stoff- und Tapetenmustern, Zimmerpflanzen, Plastikblumen als Dekoration bis hin zu angelegtem Grün in Stadtparks und Fußgängerzonen. Unser ästhetisches Bedürfnis wird also in sehr hohem Maße durch die Abbildung und Darstellung von Naturformen befriedigt. SCHWEIS geht davon aus, dass unser Bedürfnis nach Natur dabei umso größer wird, je stärker sie aus unserem alltäglichen Umfeld verschwindet (vgl. Schweis, 1993, 203).
Jeder Mensch macht im Laufe seines Lebens unterschiedliche Erfahrungen mit der Natur. Diese Erfahrungen und Eindrücke werden bereits in der Kindheit herausgebildet und prägen unser Verhältnis zur Natur. Sie entscheiden darüber, wie wir Naturprozessen später begegnen und welche Erklärungsmuster von Naturphänomenen wir gebrauchen. Diese Realitätsdeutungen bilden ein gedankliches Konstrukt, das in unser Weltbild mit einfließt und hier als „Naturkonzept“ beschrieben werden soll.
GEBAUER und HARADA gehen davon aus, dass diese Naturkonzepte maßgeblich von drei Faktoren beeinflusst werden:
MICHAEL GEBAUER und NOBUYUKI HARADA haben in einer Kulturvergleichenden Studie mit japanischen und deutschen Kindern untersucht, welche Naturkonzepte Kinder haben und ob soziokulturelle Einflüsse diesen Konzepten zugrunde liegen. Dazu wurden insgesamt 658 Grundschulkinder in Japan und Deutschland mit einem Fragebogen befragt. Zur Erfassung der Tiefenstruktur der Naturkonzepte haben sie das theoretische Modell von Stephen Kellert und E.O. Wilson herangezogen. Dieses Modell wurde in mehreren empirischen Studien geprüft und beschreibt folgende neun Naturkonzepte:
Utilitarismus | Natur als verfügbare Ressource und Grundlage zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse |
Erkenntnis | Natur als Forschungs- und Studienobjekt und Quelle der Erkenntnis |
Ästhetisierung | Natur als Quelle des ästhetisch Ansprechenden, Schönen, Wohlproportionierten, Harmonischen |
Humanisierung | Natur als „antlitzhaftes Gegenüber“; die gefühlsmäßige Bindung an bzw. die Fürsorge für Lebewesen |
Naturalismus | Natur in ihrer Vielfalt uns Komplexität als Quelle der Faszination, des Staunens, der Neugier und der Ehrfurcht |
Symbolisierung | Natur als Quelle für Symbolsysteme bzw. Symbole, Analogien und Metaphern |
Moralismus | Natur als Objekt ganzheitlicher Weltsicht, spiritueller Verehrung und ethischer Verantwortung |
Dominierung | Natur als verfügbares Objekt der Unterwerfung, Beherrschung und Ausbeutung |
Negativismus | Natur als Störung bzw. Bedrohung und Ursache von Ängsten, Aversionen und Phobien |
Abb. 2: Naturkonzepte nach Kellert/ Wilson, verändert nach Gebauer/ Harada (2005)
Vier der neun Konzepte konnten gleichermaßen sowohl bei den japanischen, als auch bei den deutschen Kindern nachgewiesen werden: Humanismus, Naturalismus, Dominierung und Negativismus. Die Dimension Erkenntnis fand sich nur bei deutschen Kindern. Für die Praxis der Umweltpädagogik ziehen Gebauer und Harada aus ihrer Studie den Schluss, dass Kinder nicht unvoreingenommen und mit grundsätzlich positiver Einstellung an Umweltbildungsmaßnahmen teilnehmen. Es sei wichtig, die unterschiedlichen Naturkonzepte zu respektieren und zuzulassen. Gleichzeitig fiel bei deutschen Kindern ein Mangel naturbezogener Sinnstiftung und Kohärenz auf, welchen sie auf unsere Kulturgeschichte zurückführen. Deshalb müsse in der Umweltpädagogik Raum sein, nicht nur für Aktionismus, sondern auch für tiefsinnige Gespräche und Reflexion (vgl. Gebauer/Harada, 2005, 45- 61).
1.5.5 Emotionen in Bezug auf Natur
Über Gefühle und Befindlichkeiten stellt der Mensch eine Beziehung zur Natur erst her. Wie auch immer das Verhältnis des Menschen zur Natur kulturell-gesellschaftlich bestimmt ist und individuell erlebt wird, es hat immer eine emotionale Qualität. Ralph Sichler |
Emotionen beeinflussen wie man sich und andere wahrnimmt, sie können uns fördern oder hindern bestimmte Dinge zu tun. Ein und dieselbe Situation kann bei verschiedenen Menschen unterschiedliche Emotionen hervorrufen. Gefühle spiegeln uns auf dem Hintergrund bisheriger Lebenserfahrungen eine unbewusste Haltung zu Sachverhalten in der Umwelt wider. Auch das menschliche Verhältnis zur Natur ist von Emotionen geprägt. Für manche Jugendliche bedeutet Natur erleben, sich auf ein unbekanntes Terrain einzulassen. Dies kann angenehme wie auch unangenehme Gefühle auslösen. Drei wesentliche Aspekte und der Umgang damit sollen hier vorgestellt werden.
1.5.5.1 Umweltängste und Endzeitangst
Wenn ich dreißig bin, wird es vielleicht keine Bäume mehr geben. Wenn ich dreißig bin, dann werden die Blumen vielleicht Gasmasken tragen müssen. Wenn ich dreißig bin, werden fast alle Tiere ausgestorben sein, von den Abgasen vergiftet. Ja, vielleicht werde ich gar nicht dreißig, wer weiß? Niki Repanis, 10 Jahre alt |
Umweltzerstörung beschäftigt viele Kinder. ULRIKE UNTERBRUNER (1991) hat von 1988 bis 1989 insgesamt 1100 deutsche Jugendliche im Alter von 13 bis 18 Jahren zu ihren Zukunftsvorstellungen und Ängsten befragt. Dabei untersuchte sie, welchen Stellenwert die Natur dabei einnimmt. Mit Phantasiereisen und standardisierten Fragebögen fand sie heraus, dass die Sorge um die Natur beträchtlich gestiegen ist. Jugendliche machen sich um den Fortbestand ihrer zukünftigen Lebensgrundlage größere Sorgen, als um ihr individuelles Wohlbefinden. Mittels einer Angstskala, bei der es sich um ein Rating 20 verschiedener ängstigender Ereignisse handelte, war die Angst vor Umweltzerstörung mit 91% bei den Jugendlichen am höchsten. Danach folgten mit 86% der Tod der Eltern und mit 81% die Angst vor einem Atomkrieg. Insgesamt kann von einer pessimistischen Grundstimmung gesprochen werden, denn neben Angst spielen auch Gefühle wie Trauer, Betroffenheit, Wut, Hoffnungslosigkeit und Resignation eine Rolle (vgl. Unterbruner, 1991, 27ff).
Mehrfach ist diskutiert worden, inwiefern die Medien durch vermehrte Berichterstattung über Umweltskandale zu diesen Ängsten beigetragen haben. Täglich findet man in Tageszeitungen, in Zeitschriften und in den Nachrichten Berichte über das Atemgift Ozon, die Klimaveränderung, Trinkwassergefährdung und das Artensterben. In den Kinos halten in wachsendem Maße Filme über Naturkatastrophen, wie Armageddon, The Day after tomorrow, Twister oder Volcano Einzug. Unterbruner zufolge ist diese vermehrte Berichterstattung eine Reaktion auf die erhöhte Sensibilität für Umweltthemen in der Bevölkerung. Diese verstärkte Wahrnehmung zeigt sich zum Beispiel auch in der Medizin. Die steigende Kenntnis über Gesundheitsgefahren aus der Umwelt hat ihren Niederschlag im Fach der Umweltmedizin gefunden. Dass die Medien also vermehrt über Umweltprobleme berichten ist nicht ungerechtfertigt, dass diese Berichte Angst machen, nicht unbegründet. Die Medien allein verantwortlich für diese Ängste zu machen, wäre ein Ablenken von den tatsächlichen gesellschaftspolitischen Bedingungen, die zu dieser Umweltsituation geführt haben.
Kinder erleben Umweltzerstörung nicht nur in den Medien, sondern auch am eigenen Leib durch Autoabgase, Lärm, Müll, Lebensmittelallergien oder Asthma. Die Bedrohung unserer Lebensgrundlage ist real und nicht fiktiv. „Im Hinblick auf die hochgradig gefährdete natürliche Umwelt sind Sorgen und Ängste, Bedrückung und Verärgerung, Skepsis und Wut durchwegs adäquate Gefühle“ (Tretter, 1993, 273).
BERND SIEBENHÜNER hat die Angst vor ökologischen Katastrophen in Anlehnung an Freud als „Realangst“ eingestuft. Realängste basieren im Gegensatz zur neurotischen Angst auf realen Bedrohungen und deutlich identifizierbaren Ursachen in der Außenwelt. Sie können durch Verdrängung in eine neurotische Form abgeleitet werden und dann zu Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht als so genannte Bewältigungsstrategien führen[10] (vgl. Siebenhüner, 2000, 82).
Dabei ist Angst nichts prinzipiell Schlechtes. „Angst ist mit unserem Leben unvermeidlich verbunden. Sie gehört zu unserer Existenz und ist eine Spiegelung unserer Abhängigkeit und des Wissen unserer Sterblichkeit“ (Unterbruner, 1991, 46). Angst ist eine Warnung vor Gefahren, ein biologisch sinnvoller Verhaltensmechanismus, der den Körper in Alarmbereitschaft versetzt (vgl. Unterbruner, a.a.O., 46).
TRETTER weißt darauf hin, dass bei näherer Betrachtung von Umweltängsten deutlich wird, „dass der lebenssichernde Nutzen von Angst respektiert werden muß, da Angst auch als Kraft zu Veränderungen wirksam werden kann, da sie zu Vorsichtsmaßnahmen, zu Informationsbemühungen und dergleichen führen kann und damit einen daseinssichernden Effekt hat“ (Tretter, 1993, 293). Starke Angst hingegen, die effektive Handlungsmöglichkeiten verhindert, ist als krankheitswertig einzustufen (vgl. Tretter, a.a.O., 272).
Hierzu gehört nach Unterbruner auch die „Endzeitangst“. Das besondere hierbei ist, dass sich rational begründete und irrationale Ängste überlagern. Angst vor Atomraketen, Giftmüll oder toxischen Chemikalien etc. mischt sich bei der Endzeitangst mit Gefühlen wie Ohnmacht, Apathie und die Angst vor dem Verlust kollektiver Kontinuität. Die Endzeitangst ist eine archaische Form der Erlebnisverarbeitung, in die Untergangsphantasien genauso miteinfließen, wie religiöse Motive (vgl. Unterbruner, 1991, 48).
Wesentlich für den Umgang mit Ängsten, so Unterbruner sei eine konstruktive Bewältigung. Die Bewältigung von Ängsten kann entweder durch konkrete Handlungen oder durch innere Verarbeitung angestrebt werden. Zum einen kann dies durch Gespräche über diese Ängste erreicht werden. Jugendliche müssen die Gelegenheit bekommen, vorhandene Ängste wahrzunehmen und zuzulassen. Hilfreich für die Reflexion sind an dieser Stelle künstlerische und kreative Methoden. Reine Wissensvermittlung reicht nicht aus. Es muss darüber gesprochen werden, was dieses Wissen bei Kindern und Jugendlichen auslöst. Andererseits sollten Kinder die Möglichkeit bekommen positive und unbelastete Kontakte mit Natur machen zu können. Freude und Faszination über Tiere, Pflanzen und Lebensräume dürfen nicht zu kurz kommen. Umweltpädagogik, die nur Informationen über den Umweltzustand liefert, hat in der Vergangenheit den hübschen Namen der „Katastrophenpädagogik“ zugeschrieben bekommen. Es müssen zukunftsfähige Perspektiven mit den Jugendlichen entwickelt werden und Umsetzungen in Richtung Problemlösung folgen. Zum einen über das eigene Praktizieren von umweltbewusstem Verhalten, zum anderen über Berichte vorhandener positiver Gegenmaßnahmen. Dies kann beispielsweise auch der Besuch eines Naturschutzgebietes sein (vgl. Unterbuner, 1991, 60f).
1.5.5.2 Verdrängung und Ohnmachtgefühle
Mit der Angst vor Umweltzerstörung ist auch Unsicherheit über unsere eigene Zukunftsperspektive verbunden. Gerade diese Sicherheit über das Fortbestehen der Menschheit auf der Erde, der Glaube an das Überleben in unseren Kinder hilft uns normalerweise die eigene Todesangst zu kontrollieren. Sich diesen Sicherheitsverlust ständig bewusst zu machen, würde uns in eine totale Sinnkrise stürzen. Sich ständig mit diesen Ängsten zu konfrontieren ist für viele Menschen zu tiefst schmerzhaft und nicht auszuhalten (vgl. Unterbruner, 1991, 49-52).
An dieser Stelle beginnt ein Teufelskreislauf, den UNTERBRUNER wie folgt beschrieben hat: „Das Gefühl der Ohnmacht, gekoppelt mit Sinnverlust, führt zu Verwirrung, diese zu Angst. Auf die Angst reagiert der Mensch mit Apathie, mit der Unfähigkeit oder der Weigerung, Schmerz zu spüren. Aus dieser Apathie entsteht Haß, Isoliertheit, das Gefühl der Bedeutungslosigkeit, und damit steigert sich wiederum das Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht“ (Unterbruner, 1991, 49). Im Umgang mit Umweltängsten begegnen wir vielen Formen der Angstabwehr. Um sich mit schmerzhaften Vorstellungen nicht auseinandersetzen zu müssen, verdrängt und verleugnet man lieber. Informationen werden nicht aufgenommen, bagatellisiert – die Verantwortung abgeschoben auf Andere. Gefühlen wie Angst, Hilflosigkeit und Ohnmacht versucht man durch entsprechendes Vermeidungsverhalten aus dem Weg zu gehen. „Die Abspaltung und Minderbewertung des Gefühls - im konkreten Fall der Ängste vor Umweltzerstörung - bedeutet aber auch Verzicht auf wichtige Signale, Verzicht auf ein Potential, das für die Entscheidung individueller wie gesellschaftlicher Art eine wesentliche Leitfunktion haben könnte (Unterbruner, 1991, 51).
Treten Ängste vor Umweltzerstörung bei Jugendlichen auf, egal ob der Umgang damit aktiv-verarbeitend oder abwehrend-verleugnend ist- es wird in jedem Fall für notwendig erachtet, Unterstützung im Sinne einer Verarbeitung zu geben. Um Gefühlen wie Ohnmacht und Hilflosigkeit zu begegnen braucht es Gespräche mit Erwachsenen und anderen Jugendlichen (vgl. Unterbruner, a.a.O., 53f). Unterbruner greift für Gespräche mit Kindern über ihre Ängste vor Umweltzerstörung auf die Ratschläge von Joanna Macy zurück. Diese beschreibt in ihrem Ansatz „despair and empowernment work“:
Ø Laden Sie ihre Kinder ein, ihre Gefühle über die Not der Welt mitzuteilen.
Ø Hören Sie aufmerksam zu.
Ø Helfen Sie dem Kind, seine Gefühle klarzukriegen.
Ø Lassen Sie die Kinder wissen, dass sie mit ihren Ängsten nicht allein sind.
Ø Geben Sie zu, wenn Sie etwas nicht wissen.
Ø Glauben Sie nicht, Ihren Kindern die Gefühle von Verzweiflung nehmen zu müssen.
Ø Unterstützen Sie die Kinder dabei eigene Entscheidungen zu treffen
Ø Teilen Sie auch die Freude am Leben mit ihren Kindern.
Ø Zeigen Sie ihren Kindern, dass Sie sich um ihretwillen und um unserer gefährdeten Welt willen auch öffentlich engagieren, um eine Katastrophe zu verhindern.
Ø Unterstützen Sie ihre Kinder, wenn sie selbst aktiv sein wollen.
(Unterbruner, a.a.O., 55)
1.5.5.3 Die Liebe zum Lebendigen
Nur wenige sind ganz und gar blind und taub für die süßen Bilder und Stimmen der Natur, Liebe zur Natur existiert in jedem von uns. John Muir |
Mit Natur sind natürlich nicht nur angstbesetzte oder für uns problematische Emotionen verbunden. Es gibt auch Momente in der Natur, die machen uns sprachlos, weil sie eine Schönheit in sich besitzen, die uns tief berührt und in der wir tiefe Dankbarkeit empfinden können. Das kann ein Sonnenuntergang auf dem Gipfel eines Berges sein, der Anblick eines Rehs, das uns ganz nah kommt oder das Knistern der Blätter unter unseren Füßen, wenn im Herbst das Laub von den Bäumen fällt. Diese Verbundenheit mit der Natur zu spüren bleibt nicht nur naturverbundenen Menschen vorenthalten. Auf vielen Ferienfreizeiten und Schullandheimen konnte ich immer wieder erleben, wie Jugendliche, wenn sie einmal ihre „Coolness“ abgelegt haben, sich der Natur nähern. Es ist eine schöne Erfahrung zu sehen, wie Jugendliche in die Natur vertieft sein können. Wie eine quirlige, lebendige Gruppe auf einmal ganz leise wird, uns zuhört oder zuschaut. „Erinnerungen an solche Momente der erweiterten Wahrnehmung, der Selbstvergessenheit und des Einsseins lenken uns auf den Weg zu einer empfindungsreicheren und erfüllteren Lebensweise“ (Cornell, 2006, 32). Wer diese Erfahrungen, der Schönheit und des Wertes von Natur gemacht hat, wer die Entdeckung einer Verwandtschaft zwischen der eigenen Natur und der äußeren Natur gemacht hat, der bekommt ein Gefühl vermittelt von Geborgenheit und von „angenommen sein“. Diese Erfahrungen initiieren eine liebevolle und zugewandte Beziehung zur Natur. Jeder Mensch hat ein tiefes Bedürfnis nach Liebe und Akzeptanz. Hierin liegt eine große Chance in der Begegnung mit der Natur (vgl. Kalff, 2001, 44). Sie ist nicht kritisch oder hinterfragend. Die Natur ist einfach nur da - sie existiert, ohne Wertmaßstäbe zu setzen. Solch eine Erfahrung für sich zu machen kann einem jungen Menschen Sinn und Halt geben.
Rainer BRÄMER, deutscher Wissenschaftler, Natursoziologe und Universitätsdozent an der Universität Marburg ist Autor zahlreicher Publikationen zum Thema Wandern und Mitgründer des Deutschen Wanderinstituts e.V. Seit 1997 untersucht er mit dem „Jugendreport Natur“ die Soziologie des jugendlichen Naturverhältnisses aus wissenschaftlicher Sicht. Seine Publikation „Natur obskur“ gibt Aufschluss darüber, wie Jugendliche heute Natur erfahren. Mittels eines Fragekatalogs wurden vom Frühjahr bis Spätherbst 2005 insgesamt 2.200 Schüler und Schülerinnen der Klassenstufen 6 uns 9 in Nordrhein- Westfalen befragt. Wesentliche Ergebnisse der Befragung sollen hier kurz vorgestellt werden:
1. Naturkontakte im Alltag und Naturerfahrung
Ø Bei Naturkontakten im Alltag stehen schnelle Aktivitäten, wie Mountainbiking oder Joggen im Vordergrund. Dabei fällt der Natur kaum mehr als die Funktion einer Kulisse zu.
Ø Für zwei Drittel der Befragten steht der Wunsch, in der Natur Abenteuer zu erleben, im Vordergrund. Wird der Begriff Natur durch die Vokabel Wildnis ersetzt, nimmt der Wunsch auf gut 40% ab. Kommt dann noch ein echtes Wildwetterelement wie Gewitter oder Sturm hinzu, kühlt die Abenteuerlust auf weitere 30% ab. Den Tiefpunkt aber markiert die Vorstellung von Jugendlichen, allein der Natur ausgesetzt zu sein: Nur noch 18% empfinden dies als angenehme Vorstellung.
Ø Die Anschauung und Kenntnis von Natur ist in hohem Maße von Gartenpflanzen und Gartenszenen geprägt. Demnach halten sich 66% aller Jugendlichen täglich bis mehrmals wöchentlich in Gärten auf. An zweiter Stelle der Kontaktskala stehen Wiesen und Felder. Flüsse und Bäche hingegen werden nur noch von 24% der Jugendlichen regelmäßig besucht. Es ist also vor allem die gepflegte und bewirtschaftete Natur, mit der Jugendliche in Berührung kommen.
Ø Zwei Drittel der Jugendlichen können den Wald in wenigen Minuten zu Fuß erreichen. Objektiv betrachtet wächst die Jugend also keineswegs in solch einer großen Distanz zur Natur auf, wie immer angenommen wird. Entscheidend scheint hier vielmehr, dass das Interesse Jugendlicher an Natur immer stärker abnimmt.
Ø Der Abschied von der Natur setzt bei Jugendlichen immer früher ein und fällt dann auch drastischer aus. Das gilt insbesondere für den spielerischen Umgang mit der Natur.
2. Natur kontra Technik
Ø Das Vorurteil, dass Fernsehen und Computer natürliche Szenarien in der Erfahrungswelt Jugendlicher verdrängen, konnte durch den Jugendreport Natur bestätigt werden. Jugendliche, die angaben viel fern zu sehen oder am PC zu spielen, hatten eine besondere Abneigung gegenüber natursportlichen Aktivitäten. Der jugendliche Abschied von der Natur erwies sich also zugleich als Vereinnahmung der Technikwelt.
Ø Was den Stellenwert im Alltag betrifft, so steht die Technik der Natur aus Sicht der Schüler an Bedeutung kaum nach. Während sich 70% der Jugendlichen ein Leben ohne Natur nicht vorstellen können, erreicht die Quote bei der Technik fast 60%.
Ø Auch die aktuelle Shell- Studie von 2006 konnte zeigen, dass Technik in der Freizeitgestaltung von Jugendlichen auf dem Vormarsch ist. So gaben 58% der Jugendlichen Fernsehen als eine der häufigsten Freizeitbeschäftigungen im Laufe einer Woche an. Internet wird im Durchschnitt 9,3 Stunden in der Woche von Jugendlichen genutzt (vgl. Shell Deutschland Holding, 2006, 77-84)
3. Vorherrschende Naturbilder
Ø Als zentrales Symbol für Natur fungieren Wald und Bäume. An zweiter Stelle folgen Wirbelstürme und Rehe. Das Bewusstsein der eigenen Naturhaftigkeit ist hingegen nur wenig präsent. 17% der Jugendlichen sind der Meinung, dass der Mensch nichts mit der Natur zu tun hat.
Ø Das jugendliche Naturverständnis orientiert sich an der klassischen Ausgrenzung des Menschen aus der Natur: Je mehr die Dinge seinem Zugriff unterliegen, desto mehr verlieren sie ihren Naturcharakter. Die Natur erfährt durch den Kontakt mit dem Menschen so zu sagen eine Art Denaturierung. Tiere im Zoo gehören demnach für 59% der Jugendlichen nicht zur Natur, Rehe in freier Wildbahn hingegen schon. BRÄMER hat hier den Begriff des „Natur-Paradoxons“ geprägt. Damit ist gemeint, dass die Versuche des Menschen, Natur einzugrenzen und zu definieren in einem unauflöslichen Paradoxon enden. Auch bei den Jugendlichen ließ sich kein widerspruchsfreier Naturbegriff entwickeln. Die Frage der Grenze zwischen Natur und Nichtnatur blieb offen.
4. Umweltmoral und Nachhaltigkeitsverständnis
Ø 80 Prozent der Jugendlichen geben an, schon einmal von Eltern, Lehrern, Förstern oder Naturschützern darüber belehrt worden zu sein, wie man sich im Wald richtig verhält.
Ø In der Rangliste der Verhaltensregeln steh das Gebot, keinen Abfall zu hinterlassen, noch vor dem Verbot des offenen Feuers ganz oben. Danach folgen die Verbote, keine Tiere zu fangen, auf den Wegen zu bleiben und leise zu sein. Der Wald erscheint in letzteren Regeln als eine Art „heiliger Hain“ oder „Baumzoo“.
Ø Jagd und Forstwirtschaft haben bei Jugendlichen einen schlechten Stand. So halten 70- 80% der Schüler Holzfällen und Jagen für naturschädlich. Landwirtschaft hingegen wird mehrheitlich als naturunschädlich betrachtet. Diese widersprüchliche Logik leitet Brämer aus dem Natur- Paradox ab.
Ø Die Freizeitnutzung der Natur wird von Jugendlichen als vergleichsweise naturunschädlich angesehen. Jugendliche sind nur wenig bereit, ihre Freizeitvorlieben aus ökologischen Gründen zurückzustellen.
Ø Große Unsicherheit herrscht in punkto Nachhaltigkeit. So nimmt das Müllproblem mit einer Zustimmung von 54% die Führungsrolle unter den Nachhaltigkeitsdeutungen ein. Die richtigen Statements erfuhren zwischen 20 und 40% Zustimmung (vgl. Brämer, 2006, 159-166).
1.7 Persönlichkeitsentwicklung
1.7.1 Was ist Persönlichkeitsentwicklung?
Bevor ich heiratete hatte ich sechs Theorien über Kindererziehung. Jetzt habe ich sechs Kinder und keine Theorie. J.W. Rochester |
In der Zwischenzeit hat sich eine Vielzahl von Theorien etabliert, welche die Persönlichkeit eines Menschen aus unterschiedlichen Perspektiven zu erklären versucht. Ursprünglich geht das Interesse an der Beschreibung und Erklärung der Persönlichkeit auf die Psychologie zurück. In Anbetracht der Faszination, die von einer Auseinandersetzung mit der menschlichen Persönlichkeit ausgeht, verwundert es nicht, dass auch die Erlebnispädagogik auf diese Einfluss zu nehmen versucht. Bei dieser Vielfalt von Ansätzen, liegt es auf der Hand, dass die Erstellung einer Konzeption und die praktische Umsetzung im erlebnispädagogischen Setting keine einfache Antwort erlaubt. Was die Definition von Persönlichkeitentwicklung angeht, beziehe ich mich in meiner Arbeit auf die psychologische Deutung. Persönlichkeitsentwicklung ist die „Veränderung des komplexen Systems innerhalb eines Individuums, das sich mit der Umwelt und der Innenwelt auseinandersetzt“ (Dorsch, 1987/1991, 478). OLSON hat dazu die Gleichung aufgestellt:
Reifung + Umwelt = Entwicklung |
Danach ist Entwicklung das Ergebnis aus einem Reifungsprozess und dem Einfluss der Umwelt. Fehlen nötige Umweltreize, bleibt die Entwicklung zurück (vgl. Olson, 1972, 11f). In der Psychologie bedeutet Entwicklung immer sowohl die Entfaltung von etwas Vorgeformten, als auch die Gestaltung etwas Unvorgeformtem durch äußere Einflüsse (vgl. Müller, 1973, 50). Die Entwicklung der Persönlichkeit erstreckt sich über die gesamte Lebensspanne eines Menschen. Destabilisierungen treten unter anderem in der Pubertät auf (vgl. Oerter/ Montana, 2002, 675).
1.7.2 Persönlichkeitsentwicklung auf Grund von Entwicklungsaufgaben
Das Konzept der Entwicklungsaufgaben geht auf Robert HAVIGHURST zurück. Er versteht Entwicklung als eine Auseinandersetzung mit lebens- und altertypischen Aufgaben. Durch die erfolgreiche Auseinandersetzung mit solchen Aufgaben werden Fertigkeiten und Kompetenzen ausgebildet, welche für die Persönlichkeitsentwicklung förderlich sind und die Lösung künftiger Entwicklungsaufgaben erleichtern. Die Persönlichkeit bildet sich also nicht passiv, sondern durch tägliche Auseinandersetzungen mit Aufgaben im sozialen Kontext. Die Aufgaben reichen über alle Lebensabschnitte hinweg und nicht immer werden sie erfolgreich gelöst (vgl. Havighurst, 1952, 2 und Grob/Jaschinski, 2003, 23).
FEND, GROB & FLAMMER haben dieses Konzept der Entwicklungsaufgaben weiterentwickelt und in folgende drei Bereiche gegliedert:
Die persönlichen Entwicklungsaufgaben ergeben sich aus den neuen psychischen Sachverhalten, wie der Fähigkeit zur Abstraktion und der neuen körperlichen Veränderung.
Zu den Entwicklungsaufgaben im zwischenmenschlichen Bereich gehören die Differenzierung von Freundschaftsbeziehungen und die Aufnahme der Beziehung zum anderen Geschlecht. Das Erlangen emotionaler Unabhängigkeit von den Eltern und anderen Bezugspersonen gehört ebenso zu den Aufgaben des zwischenmenschlichen Bereichs.
Die Entwicklungsaufgaben des gesellschaftlichen Bereichs beziehen sich vorwiegend auf die veränderten sozio-kulturellen Anforderungen, wie beispielsweise die Aufnahme eines Berufs oder das Erlangen finanzieller Selbständigkeit.
Diesen drei Bereichen übergeordnet ist eine Entwicklungsaufgabe, welche von Havighurst nicht formuliert wurde, aber unserem Zeitgeist entspricht: Der Aufbau einer eigenen Identität. Auf der Suche nach ihrer Identität stellen Menschen sich die Frage: „Wer oder wie bin ich?“ Erikson zufolge ist die Identitätsuche vor allem Aufgabe des Jugendalters (vgl. Grob, Jaschinski, 2003, 22-29). Identität ist ein existentielles Erlebnis des „Mit- sich- selber- eins- sein“ (Flammer, 2002, 156). Angesichts der großen Pluralität jugendspezifischer Lebenslagen, soll das Modell von Havighurst nur ein Beispiel sein. Man sollte nie aus dem Blickwinkel verlieren, dass Jugendliche auch eigene Ziele verfolgen, die von den hier definierten Entwicklungsaufgaben abweichen können. Jugendliche gestalten ihre Entwicklung immer auch selbst und sind nicht nur Konsumenten von vorgegebenen Möglichkeiten.
1.7.3 Zwischen Bequemlichkeit und Überforderung: Das
Komfortzonenmodell in der Erlebnispädagogik
Wenn du immer nur das tust, was du heute kannst, wirst du immer das bleiben, was du heute bist. Anonym |
Das Komfortzonenmodell verdeutlicht die lerntheoretischen Hintergründe erlebnispädagogischer Aktivitäten. Im Komfortzonenmodell werden drei Zonen unterschieden: Die Komfortzone, die Lernzone und die Panikzone. Jeder Mensch hat seine eigene, individuelle Komfortzone. Dies ist der Bereich, indem er sich sicher fühlt, wo Erfahrungen und Wissen angesiedelt sind. In der Komfortzone ist alles vertraut, bekannt und beherrschbar. Hier handeln Menschen selbstsicher und routiniert und sind sich ihrer Stärken und Fähigkeiten bewusst. Dieser Ort gibt einem Menschen viel Sicherheit und ist unentbehrlich als Rückzugsort oder um zur Ruhe zu kommen und das psychische Gleichgewicht zu finden. Grundlegend neue Erfahrungen sind in der Komfortzone aber nicht möglich.
Außerhalb dieser Komfortzone liegt unbekanntes Gebiet. Dort befindet sich alles, was unbequem, unvorhersehbar und unsicher erscheint. Dort sind die Dinge, die man schon längst hätte tun sollen, aber immer vor sich her geschoben hat. In der Lernzone, wie diese sich nennt sind aber auch all die vielen reizvollen Dinge, die man schon immer einmal tun wollte, die Abenteuer versprechen, neu und aufregend sind. Sich in diesen Bereich vorzuwagen ist mit Unsicherheit und Angst verbunden und auch mit dem Risiko, zu versagen. In der Lernzone zu sein bedeutet, die Möglichkeit zu haben an einer Aufgabe zu wachsen, Neues über sich und das Leben zu lernen. Indem man sich ein Stück aus dem Komfortbereich heraus begibt, werden neue Erfahrungen gemacht, die zum vorhandenen Erfahrungsschatz hinzugefügt werden können. Sind diese Erfahrungen positiv, kann die eigene Komfortzone somit immer größer werden und wachsen. Dringt man aber zu weit in den unbekannten Sektor vor, steigt das Risiko zu scheitern. Versagenserfahrungen können dazu führen, dass die Grenzen des Komfortbereichs verstärkt werden. Ein erneutes Heraustreten aus dieser Zone wird dann umso schwerer.
Abb. 3: Das Komfortzonenmodell (aus Senninger, 2000, 26)
Erlebnispädagogik arbeitet genau in diesen Grenzbereichen. Den Teilnehmern soll ermöglicht werden, neue Erfahrungen zu machen und die Grenzen ihrer Komfortzone zu erweitern. Von entscheidender Bedeutung ist jedoch auch, die Teilnehmer davor zu bewahren, zu weit aus der Lernzone herauszutreten und dort zu scheitern. Dann würde genau das Gegenteil dessen eintreten, was eigentlich bewirkt werden sollte: Dass Menschen über sich selbst hinauswachsen, neue Kompetenzen erwerben und für sich wertvolle Lernerfahrungen machen (vgl. Michl/ Reiners/ Sandmann, 2002, 32 und Senninger, 2000, 22ff).
Somit zeigt das Komfortzonenmodell Ähnlichkeiten zu Havighursts Konzept der Entwicklungsaufgaben. Auch bei Havighurst geht es um Aufgaben und Herausforderungen, denen sich jeder Mensch im Laufe seines Lebens stellen muss. Er kann an ihnen scheitern, oder er kann an ihnen wachsen. Aber auch hier geht es darum, die Herausforderungen anzunehmen, sie in Angriff zu nehmen und damit in seiner Persönlichkeit zu wachsen und zu reifen. Die Bereitschaft und der Wille dazu müssen immer von der Person selbst kommen.
1.8 Die Bedeutung von Naturerlebnissen für die
Die alten Dakota wussten, dass das Herz eines Menschen, der sich der Natur entfremdet, hart wird; sie wussten, dass mangelnde Ehrfurcht vor allem Lebendigen und allem, was da wächst, bald auch die Ehrfurcht vor dem Menschen absterben lässt. Deshalb war der Einfluss der Natur, die den jungen Menschen feinfühlig machte, ein wichtiger Bestandteil ihrer Erziehung. Luther Standing Bear |
Die Entwicklung der Persönlichkeit vollzieht sich nach Meinung der Entwicklungspsychologie in der Auseinandersetzung des Menschen mit sich Selbst und anderen Menschen. Der nichtmenschlichen Umwelt, wie Gegenständen, Landschaft, Pflanzen oder Tieren kommt in diesem zweidimensionalen Persönlichkeitsmodell keine besondere Bedeutung zu.
Nun lebt der Mensch aber nicht allein auf der Welt, im Gegenteil: Auf der Erde gibt es mehr nichtmenschliche Wesen als menschliche. Im Hinblick auf die biologisch-ökologische Verflochtenheit des Menschen mit der Natur suggeriert ein zweidimensionales Persönlichkeitsmodell zu Unrecht, dass man sich die menschliche Persönlichkeit abhängig von der nichtmenschlichen Umwelt denken könne. Wir wissen bisher nur wenig über die Wirkungszusammenhänge zwischen äußerer Natur und Psyche. Deswegen hat die ökologische Psychologie das zweidimensionale Persönlichkeitsmodell um eine Dritte Dimension erweitert: Die nichtmenschliche Umwelt. Diese Sichtweise lenkt den Blick stärker auf die natürliche Umgebung des Menschen (vgl. Gebhard, 1994, 14-16). Da in der vorliegenden Arbeit diskutierte werden soll, welche Funktion Naturerlebnisse für die Persönlichkeitsentwicklung von Jugendlichen haben, bildet das dreidimensionale Persönlichkeitsmodell die Grundlage weiterer Überlegungen. Bereits die Formulierung eines solchen Themas impliziert die These, dass Natur psychologisch relevant ist.
SEARLES (1960) hat als erster in einer umfangreichen Studie die psychische Bedeutung der nichtmenschlichen Umwelt untersucht. Er verweist auf die Bedeutung von nichtmenschlichen Umweltelementen für die psychische Gesundheit - ein Phänomen, das zum Beispiel im Rahmen von Beschäftigungstherapien schon lange genutzt wird. So macht er immer wieder darauf aufmerksam, wie häufig nichtmenschliche Umweltelemente und speziell Naturelemente in der Kunst, Poesie, in der Literatur oder auch in Träumen vorkommen. In der traditionellen psychoanalytischen Entwicklungslehre geht man davon aus, dass Kinder vor dem 5. Monat noch nicht zwischen dem „Selbst“ und den äußeren Objekten unterscheiden können. Freud nannte dieses Verbundenheitsgefühl mit der Welt „ozeanisch“. Ein wesentlicher Entwicklungsschritt stellt nun die psychische Leistung dar, zwischen sich selbst und der Umwelt zu differenzieren. Das Gefühl für eine eigene Identität zu entwickeln, setzt also Distanz zur Umwelt voraus. Searles zufolge bietet die nichtmenschliche Umwelt somit eine zentrale emotionale Orientierung, eine „feste Insel“, angesichts der ständig wechselnden Umstände des täglichen Lebens (vgl. Gebhard, 1993, 131- 136). Auch als Erwachsene fühlen Menschen noch Verbundenheit mit verschiedenen Objekten: „Unser Auto“, das wir über viele Jahre lieb gewonnen haben, das verknautsche Kuscheltier, dass uns an unsere Kindheit erinnert oder eben auch Naturgegenstände und Landschaften, an die wir uns gewöhnt haben, die uns vertraut sind und Sicherheit geben.
Searles konnte in seiner Untersuchung mit neurotischen und psychotischen Menschen einen Zusammenhang zwischen nichtmenschlicher Umwelt und Gesundheit feststellen. Psychotische Menschen neigen dazu, auf eine sehr frühe Stufe der Selbst-Umwelt-Beziehung zu regredieren. Das bedeutet, dass diese Patienten Probleme haben, zwischen sich Selbst und der menschlichen Umwelt zu unterscheiden. Bisweilen behandeln sie nichtmenschliche Objekte wie Menschen und Menschen als seien sie nichtmenschliche Objekte. Diese Unfähigkeit differenzieren zu können führe zu ausgeprägten Wahrnehmungsstörungen und zu Problemen mit der menschlichen Umwelt.
„Insgesamt zeigen die Überlegungen (…), wie sehr die (nichtmenschliche) Umwelt auch psychisch wirksam ist. Die Art und Qualität der Natur bzw. unserer Naturerfahrungen werden insofern wesentlich die psychische Befindlichkeit beeinflussen. Ein Grundgedanke dabei ist, daß es eben eine klare und endgültige Trennung von Innen und Außen nicht gibt. Die äußere Natur beeinflusst immer auch die innere, psychische Natur des Menschen und umgekehrt“ (Gebhard, 1993, 136).
Nachfolgend werde ich auf positive Gesichtspunkte von Naturerfahrung eingehen. Die aufgeführten Aspekte sind sowohl Ergebnisse aus der Literaturrecherche zu dieser Arbeit als auch Ergebnisse aus meinen eigenen Erfahrungen und Beobachtungen. Die Entwicklung und Bildung der Persönlichkeit soll im ganzheitlichen Sinne der Erlebnispädagogik und somit in ihrer Gesamtheit betrachtet werden.
1. STRESSBEWÄLTIGUNG
Im Gegensatz zur Zivilisation, erscheint uns die Aufmerksamkeit in der Natur mühelos. Die Natur hebt sich von unserer Alltagsituation ab, in der wir oft einer Vielzahl von Reizen, Stress und Hektik ausgesetzt sind. Diese Fülle an Reizen kann oftmals gar nicht verarbeitet werden, es kommt zur Reizüberflutung, zur Belastung und zum Stress (Gilsdorf, 2004, 128).
ÖSTERREICHER und PROKOP konnten eine interessante Entdeckung machen: „Der Geräuschpegel im Freien ist im Allgemeinen wesentlich geringer als in geschlossenen Räumen (…). Die geringeren Lautstärken im Freien wirken sich (…) auf die Kommunikation innerhalb einer Gruppe aus: Kinder unterhalten sich ausführlicher miteinander, wirken entspannter und geduldiger, aufmerksamer und aufnahmebereiter. Eigentlich nicht überraschend, denn Lärm verursacht Stress und damit eine Vielzahl von Spannungszuständen: Gereiztheit, Müdigkeit, Zeitdruck, Fehlen eines inneren Gleichgewichtes und eine häufig sogar abnehmende Fähigkeit, diesen Belastungen etwas entgegenzusetzen“ (Österreicher/ Prokop, 2006, 20). Es gibt aber noch einen weiteren Aspekt: Das „Loslassen von Kontrolle“. GILSDORF geht davon aus, dass wir in der Natur Entspannung und Gelassenheit finden, weil es sich dort als überflüssig erweist, Situationen zu kontrollieren. Die Natur „ist nicht kontrollierbar und doch können wir uns sicher in ihr bewegen. Das Loslassen der Illusion vollständiger menschlicher Kontrolle hat einen erleichternden Charakter und erlaubt uns in der Folge paradoxerweise eine intensivere Wahrnehmung unserer Selbst und unserer Umgebung“ (Gilsdorf, a.a.O., 129). In einer stressfreien Umgebung zu sein, in welcher keine Ablenkung von außen uns hindert, unseren Gefühlen nach zu spüren, ist eine wichtige Vorraussetzung dafür, Zeit und Muße zu finden, sich mit sich selbst auseinander zu setzten. Die Natur bietet in diesem Zusammenhang einen Raum für die Begegnung mit der eigenen Persönlichkeit.
2. ANNÄHERUNG AN DIE NATUR
„Gegen Naturferne hilft nur Naturnähe“ Das wusste schon Wilfried Dewald. Der Aufenthalt in der freien Natur kann eine Basis sein, zwischen Jugendlichen und der Natur eine sinnstiftende Beziehung zu knüpfen. Viele Verunsicherungen im Umgang mit natürlichen Zusammenhängen, können sich durch das direkte Erleben von Natur lösen. So kann man sich draußen der Spinne, vor der man sich so geekelt hat, langsam annähern, kann sie beobachten, etwas über sie und ihren Nutzen in Erfahrung bringen. Die Spinne wird so zu etwas Alltäglichem und die Angst vor ihr relativiert sich vielleicht. „In der Natur können wir uns selbst als kompetent erleben, denn unsere Handlungsmöglichkeiten entsprechen unserer situativen Verantwortung und wir können unsere Fähigkeiten sinnvoll einbringen. Damit hebt sich die Naturerfahrung von zwei weitverbreiteten Phänomenen ab: dem der Reizüberflutung und dem der Entfremdung. Erstere ist durch ein zuviel an Handlungsmöglichkeiten gekennzeichnet, Letztere durch ein zuwenig“ (Gilsdorf, 2004, 129).
3. AUSBILDUNG MOTORISCH KOORDINATIVER FÄHIGKEITEN
In der Natur findet man selten asphaltierte Straßen oder eingegrenzte Räume durch Mauern und Zäune vor. Häufig bewegen wir uns auf steinigen Wanderwegen, auf schmalen Pfaden durch Felder, über unwegsames Gelände steil bergab, über glitschige Steine und schmale Engstellen. Unwegsames Gelände und sportliche Aufgabenlösung in der Natur stellt eine Herausforderung an unsere Bewegungskoordination dar. Somit ist der Aufenthalt in der Natur ein weites Trainingsfeld zur Wahrnehmung der Möglichkeiten und Fähigkeiten des eigenen Körpers (vgl. Österreicher/ Prokop, 2006, 17). Gerade in einer Zeit, in der Adipositas und elektronische Medien auf dem Vormarsch sind und viele Kinder aufgrund von Bewegungsmangel einfache motorische und koordinative Fähigkeiten nicht mehr mitbringen, stellt die Bewegung in der Natur ein essentielle Bereicherung für ihre Entwicklung dar. „Entwicklungspsychologen wissen, dass die ganzheitliche und aktive Bewegung in anregender Umgebung auch für die Sprachentwicklung grundlegend ist“ (Österreicher/ Prokop, 2006, 17). So beobachten viele Sprachheilpädagogen bei Kindern vermehrt gestörte Körperempfindungen in Verbindung mit zunehmendem Sprachverlust (vgl. Österreicher/ Prokop, 2006, 17). Sich in der Natur aufzuhalten bedeutet, mit verschiedenen sportlichen Herausforderungen konfrontiert zu werden. Diese Herausforderungen zu durchlaufen fordert und fördert sowohl die Selbstkontrolle als auch die Kooperation der Teilnehmer untereinander. Ein erfolgreich gemeistertes Hindernis kann so zu einem Erfolgserlebnis werden und die eigene Selbstwirksamkeitsüberzeugung stärken. Naturerlebnisse im sportlichen Sinne stellen eine Stabilisierung des Selbst dar und tragen somit zur Förderung der Persönlichkeitsentwicklung bei.
4. VIELFÄLTIGE SINNESERFAHRUNGEN
„Die Sinne liefern dem Kind über das Sehen, Hören, Fühlen, Schmecken, Riechen und Bewegen viele Eindrücke über seine Umwelt und über sich selbst im Zusammenspiel mit ihr. Bevor das Kind überhaupt sprechen kann, erlangt es, über die Wahrnehmung und Bewegung, bereits ein Wissen über räumliche Beziehungen“ (Zeitschrift für Erlebnispädagogik, 2005,1/2, 55). Mit unseren Sinnen empfangen wir Signale, die helfen, uns in der Welt zurecht zu finden. Die Fähigkeit zur Wahrnehmung ist eine Vorraussetzung dafür, Gefahren rechtzeitig zu erkennen und richtig einschätzen zu können. Durch unsere Wahrnehmungsfähigkeit sind wir überlebenstüchtig (vgl. Zeitschrift für Erlebnispädagogik, a.a.O., 55). In der Natur ergeben sich vielfältige Möglichkeiten zur Sinneserfahrung und zur Wahrnehmung natürlicher Abläufe: Verschiedenste Farben und Formen, unterschiedliche Oberflächenbeschaffenheiten, natürliche Gerüche oder Geschmäcker. „Akustische Wahrnehmungen und Hörerlebnisse im freien Gelände unterscheiden sich stark von denen in geschlossenen Räumen. Am wichtigsten sind dabei die Vielfalt der Effekte und Eindrücke sowie die ganz anderen Wirkungen bei der Ausbreitung des Schalls“ (vgl. Österreicher/ Prokop, 2006, 20). In geschlossenen Räumen schotten wir uns ab gegen Wärme und Kälte, Licht und Dunkelheit oder Wind und Regen. In der freien Natur lernt unser Körper sich an Temperaturschwankungen anzupassen, lernt starke Sonne, Regen und Wind realistisch einzuschätzen. „Die Erfahrung verschiedener Strecken, die Überwindung unterschiedlicher Distanzen und der Aufenthalt in wechselnden Geländen erfordern und fördern Raum- und Entfernungswahrnehmung, Orientierung und zeitliches Vorstellungsvermögen“ (Österreicher/ Prokop, a.a.O., 19). HOPPE kritisiert „ Kindheit ist heute weitgehend auch Kindheit aus zweiter Hand. Die unmittelbare sinnliche Erfahrung dieser großen, interessanten und weiten Welt, in die Kinder früher hineingehen und sie erleben konnten, ist ihnen weitgehendst verschlossen“ (Hoppe, 1998, 115). Dies trifft natürlich in besonderem Maße auch auf Jugendliche zu. Statt die Wirklichkeit durch eigenes Handeln zu erfahren, wird diese in zunehmendem Maße konsumierend und durch Medien vermittelt. Die Sinnestätigkeit wird dabei auf visuelle und akustische Wahrnehmung reduziert (vgl. Zeitschrift für Erlebnispädagogik, 2005,1/2, 57). Vielfach wird hier auch von einer „Entsinnlichung“ des Alltags gesprochen. „Nicht nur die Reizüberflutung und die damit verbundene Abstumpfung der Sinne, sondern auch die Unterstimulierung der Nahsinne und der Motorik durch fehlende unmittelbar sinnliche Wahrnehmung können zu einem Entwicklungsdefizit führen. Besonders die natürliche Umgebung bietet viele Möglichkeiten, die Reizdefizite der unmittelbar sinnlichen Wahrnehmung auszugleichen“ (Zeitschrift für Erlebnispädagogik, a.a.O., 58). Die Bedeutung der Sinneswahrnehmung für die Persönlichkeitsentwicklung haben auch Reformpädagogen wie Montessori, Steiner und Pestalozzi betont. Die Natur bietet gute Vorraussetzungen, alle Sinne anzusprechen, vernachlässigte Sinne wieder stärker ins Bewusstsein zu rufen und somit Empfindungsschranken von Jugendlichen zu lösen.
5. ABENTEUER ERLEBEN
In der Natur können Jugendliche viele Abenteuer erleben und zwar real, nicht virtuell. Gerade im Freien steht man oft vor unvorhergesehenen Ereignissen. Das kann ein plötzlich eintretendes Gewitter sein, ein Reh, das im Wald plötzlich vor einem steht, oder ein Wanderweg, der plötzlich aufhört und uns dazu zwingt querfeldein zu gehen. „Häufig wechselnde und überraschende Situationen sind Auslöser für unterschiedliche Erfahrungen und Reaktionen, durch die psychisch-emotionale Lernprozesse verstärkt und unterstützt werden“ (Österreicher/ Prokop, a.a.O., 18). Dieser Aspekt kann auch maßgeblich zum Sozialverhalten einer Gruppe beitragen. Existieren bei Erlebnissen reale Gefahren, begegnet man diesen in der Regel mit mehr Achtsamkeit. Die Gruppe muss darauf achten, dass alle zusammen bleiben und niemand verloren geht, sich gegenseitig auf Hindernisse aufmerksam machen und für andere mitdenken. ÖSTERREICHER und PROKOP haben festgestellt, dass Kinder, die draußen unterwegs sind mit Anderen vorsichtiger und verantwortungsbewusster umgehen. Sie zeigen ein stärkeres Gefühl der Zusammengehörigkeit (Österreicher/ Prokop, 2006, 18). Das Besondere des Abenteuers im Freien ist, dass die Natur zugleicht Beständigkeit und Kontinuität in sich birgt. „Sie ist ständig neu (z.B. der Wechsel der Jahreszeiten), und doch bietet sie die Erfahrung von Verlässlichkeit und Sicherheit: Der Baum im Garten überdauert die Zeitläufe der Kindheit und steht so für Kontinuität“ (Gebhard, 1993, 139). Der Wert von Naturerlebnissen liegt also darin, dass Jugendliche bei einem großen Maß an Freizügigkeit relativ aufgehoben sind und dennoch ihr Bedürfnis nach Abenteuer ausleben können. Abenteuer im Freien können Jugendlichen die Möglichkeit geben, sich selbst neu zu erleben und sich dabei frei und lebendig zu fühlen.
6. UMWELTÄNGSTE ABBAUEN
Ein wichtiger Aspekt der Naturerfahrung ist das Erleben von „Naturschönem“. Jugendliche können erfahren, dass es auch noch intakte und nicht nur geschädigte Natur gibt. Besonders wenn Umweltängste zu Resignation und Ohnmachtgefühlen führen, können solche Erlebnisse Hoffnung geben und zu aktivem Handeln anregen. Wichtig hierbei ist, Naturkontakte pädagogisch zu begleiten, Ängste sensibel anzusprechen und gemeinsam zukunftsfähige Perspektiven zu entwickeln.
7. EMPATHIEFÄHIGKEIT ENTWICKELN
Durch das unmittelbare Erleben von Natur entsteht ein Bezug zu den verschiedenen Dingen, die im Alltag so selbstverständlich scheinen. Die Auseinandersetzung mit den Fragen: „Was passiert mit meinen Abwässern, welche Einflüsse haben sie auf die Bäche und die darin lebenden Wesen?“ fördern einen achtsameren Umgang mit der Ressource Wasser. Können Jugendliche Ursachen, Wirkungen und Beziehungen im Leben von Tieren und Pflanzen verstehen, kann sich Empathie entwickeln als Vorraussetzung für die Achtung vor dem Leben und dem Eigenwert anderer. Jugendliche können unmittelbar erfahren, dass alles Lebendige auf der Erde miteinander verbunden ist. Solche Erlebnisse stärken nicht nur die Achtsamkeit im Umgang mit nichtmenschlichen Wesen, von ihnen können auch zwischenmenschliche Beziehungen in Form von Toleranz und Respekt profitieren.
8. HANDLUNGSKOMPETENZEN
Jugendliche erwerben durch das Naturerlebnis vielfältige Handlungskompetenzen. Hierzu zählt zum einen Wissen über komplexe Naturzusammenhänge oder Anwendungswissen wie zum Beispiel Kenntnisse über die Verwendung und Essbarkeit von Wildpflanzen oder das zurechtfinden im Gelände mittels Karte und Kompass. Zum anderen gehören hierzu aber auch verschiedene Tätigkeiten wie Holz hacken, Feuer machen, ein Lager bauen oder Brot backen.
9. ORIENTIERUNG
„Die Natur legt uns die Existenz einer sinnvollen Ordnung der Dinge, eines größeren Zusammenhangs und einer Sinnhaftigkeit nahe“ (Gilsdorf, 2004, 130). Aus ihrem Verhältnis zur Natur, können Menschen wichtige Sinnbezüge für ihr Dasein gewinnen. Das Erleben von Natur kann beim Erkennen des eigenen Standpunktes in der Welt helfen (Seel/Sichler, 1993, 19). Diese Sinnhaftigkeit kann Jugendlichen eine wichtige Orientierungshilfe auf der Suche nach ihrem Weg sein. Viele Abläufe in der Natur sind immer gleich und folgen einem festen Rhythmus: Auf den Tag folgt die Nacht, auf den Frühling folgte der Sommer, auf die Ebbe folgt die Flut. Diese Kontinuität von Abläufen und Naturgesetzen, kann nicht nur Orientierung, sondern auch Sicherheit geben. Gerade in einer Generation, in der nichts sicher ist und alles einem ständigen und schnellen Wechsel unterliegt, können Naturerlebnisse Verlässlichkeit und Stabilität spenden.
[1] Eine Beschreibung dieser Methoden im Anhang
[2] Erklärung des Begriffs siehe Kapitel 2.3.1
[3] Der „Club of Rome“ setzte sich zusammen aus 70 Wissenschaftlern und Humanisten aus 25 verschieden Staaten.
[4] Die deutsche Ausgabe erschien 1973 unter dem Titel „Die Grenzen des Wachstums“, herausgegeben von Dennis Meadows.
[5] United Nations Educational Scientific and Cultural Organization
[6] World Wildlife Fund
[7] Naturschutzbund Deutschland e.V.
[8] Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland
[9] siehe Kapitell 2.5.2