Evaluation

 

 3.1  Evaluationsgegenstand – Rahmenbedingungen von „Natur pur“

 3.1.1  Organisatorisches

„Natur pur“ ist ein Seminarangebot für Jugendliche im Freiwilligen Sozialen Jahr (FSJ). Dieses Seminar wird jedes Jahr im Frühling vom NEW[1] Institut in Freiburg angeboten. Das NEW Institut ist ein anerkannter freier, erlebnispäda­gogi­scher Träger der Jugendarbeit und der außerschulischen Jugendbildung. Beim NEW Institut arbeiten Trainer und Trainerinnen unterschiedlicher pädago­gischer Herkunft mit diversen Zusatzqualifikationen, unter anderem in der Erleb­nis­pädagogik. Da die Nachfrage sehr groß ist, finden jedes Jahr zwei Gruppen „Natur pur“ statt. Die Dauer des Seminars ist von der Arbeiterwohlfahrt auf vier Tage beschränkt.  Natur pur I für die erste Gruppe fand vom 19.- 22.05.2007 mit insgesamt 20 FSJlern statt. Natur pur II folgte direkt im Anschluss vom 22.05.2007- 25.05.2007 mit einer Gruppenstärke von 18 Jugendlichen. Im Vorfeld des Seminars wurde Kontakt mit der Arbeiterwohlfahrt (AWO) aufge­nommen. Die Anreise der Jugendlichen musste organisiert und eine Packliste verteilt werden.

  3.1.2  Zielgruppe

Die Jugendlichen sind überwiegend weiblich und absolvieren alle in verschiede­nen Einrichtungen der Arbeiterwohlfahrt ein FSJ. Die Jugendlichen sind zwi­schen 17 und 22 Jahre alt und nehmen überwiegend auf freiwilliger Basis an „Natur pur“ teil. Jugendliche und junge Erwachsene im FSJ befinden sich an der Schnittstelle zwischen Schule und Ausbildung. Das FSJ dient vielen Jugendli­chen als Orientierungshilfe für die Berufswahl. Männliche Jugendliche absolvie­ren das FSJ häufig anstelle des Zivildienstes. Das FSJ erfordert und fördert in hohem Maße soziale Kompetenzen und verantwortungsvolles Arbeiten. Da die Jugendlichen überwiegend im Team arbeiten, sind neben Teamfähigkeit auch Kooperationsfähigkeit und Konfliktbereitschaft von Bedeutung.

 

 3.1.3  Aktionsraum

Veranstaltungsort ist der Mederlehof im Zastlertal bei Oberried. Der alte Schwarz­waldhof ist ein Selbstversorgerhaus mit 64 Betten in Mehrbettzimmern. Er liegt mitten in der Natur am Fuße des Feldbergs. Neben einer großen Wiese, die sich für sportliche Aktivitäten eignet, befinden sich ein Gebirgsbach, ein Was­ser­fall und jede Menge Wald in der näheren Umgebung. Etwa zehn Minu­ten mit dem Auto entfernt liegt der Gefällfelsen, der für Kletter- und Abseilaktio­nen genutzt wird. Bis auf ein paar wenige Nachbarn liegt der Mederlehof sehr ruhig und einsam. Es gibt weder Geschäfte noch Gaststätten in unmittelbarer Nähe. Im Haus gibt es keinen Fernseher und Handyempfang hat man auch nicht. Im Haus steht ein Telefon, das nur für Notfälle genutzt wird.

 

 3.1.4  Programminhalte und Methoden

Das NEW Institut arbeitet für Natur pur mit verschiedenen Methoden der Erleb­nis- und Umweltpädagogik, wie z.B. Klettern, Bachwanderung, Kennenlern- und Team­spiele oder Survivalwissen. Neben Naturritualen und Naturaufgaben kom­men auch gestalterische Methoden wie Land Art oder Schnitzen mit Holz und Stein zum Tragen. Weitere wichtige Methoden sind Bausteine aus der Vision Quest Arbeit und diverse Reflexionsmethoden. Im Folgenden geben die Ver­laufs­proto­kolle der zwei Gruppen eine Übersicht über alle wichtigen Methoden. Eine genaue Beschreibung der Methoden ist im Anhang dargestellt.

 

 

Verlaufsprotokoll Gruppe I (19. - 22.05.07)

1.Tag

1. Orgarunde

2. Vorstellungsrunde mit dem Talking Stick

3. Namensspiel

4. Wanderung auf den Hinterwaldkopf mit Picknick

5. Lagerfeuer mit Stockbrot

2. Tag

1. Warm Up Spiel

2. Einführung in das Medizinrad

3. Aufteilung in vier Neigungsgruppen:

    1. Gruppe: Kraftanhänger aus Speckstein basteln

    2. Gruppe: Schwitzhütte bauen

    3. Gruppe: Wasserfall klettern

    4. Gruppe:  Bogenschießen

4. Schwitzhütte

3. Tag

1. Klettern/ Abseilen

2. Indisch essen (Mit den Händen, am Boden sitzend)

3. Lichterreise durch den Wald

4. Tag

Abschlussreflexion

Abb. 4: Verlaufprotokoll Gruppe I

 

 

Verlaufsprotokoll Gruppe II (22. - 25.05.07)

1. Tag

1. Orgarunde und Kennen lernen

2. Warm Up Spiel

3. Bachwanderung

4. Feuerholz sammeln und Grillen

5. Feuer spucken

2. Tag

1. Klettern/ Abseilen

2. Indisch essen (Mit den Händen, am Boden sitzend)

3. Lichterreise

3. Tag

1. ISS- WAS- Runde

2. Aufteilung in drei Neigungsgruppen:

     1. Gruppe: Einführung in das Medizinrad,

     anschließend Naturaufgabe

     2. Gruppe: Wasserfallklettern

     3. Gruppe: Kub spielen

4. Tag

Abschlussreflexion

Abb. 5: Verlaufsprotokoll Gruppe II

 

 3.1.5  Ziele

Ziele des Seminars ergeben sich einerseits aus den Themen und Wünschen, der Teilnehmer und sind andererseits  bereits fester Bestandteil. Neben Zeit für sich und Naturerfahrung stehen auch Persönlichkeitsentwicklung und Zukunfts­orientierung im Mittelpunkt. Die Jugendlichen sollen Möglichkeiten bekommen, sich neu zu erleben und Fragen nach zu gehen, wie „Wer bin ich?“ und “wo will ich hin im Leben?“ „Wo sehe ich meinen Weg?“ „Welche Kompetenzen und Ressourcen habe ich und in welchem Berufsfeld sind diese von Bedeutung?“ Im Vordergrund stehen auch das Erleben von Gemeinschaft und die Auseinan­der­setzung mit ökologischen Fragen.

 3.2  Methoden der Evaluation

Als Forschungsmethode wählte ich eine Kombination aus quantitativen (Fragebögen) und qualitativen (teilnehmende Beobachtung) Verfahren.

 

 3.2.1  Befragung mittels Fragebögen

Für die Evaluation von Natur pur entwickelte ich zwei Fragebögen, einen Vorab­fragebogen, der am ersten Abend an die Teilnehmer ausgehändigt und direkt ausgefüllt wurde, und einen Nachherfragebogen, der zwei Wochen nach dem Seminar per Post verschickt wurde. Die Erstellung  und Auswertung der Frage­bögen erfolgte mit dem Statistikprogramm Graf Stat 2. Beide Fragebögen wurden in einem Vortest an zehn Personen überprüft. Dabei konnten Unklarhei­ten in der Frageformulierung verbessert werden. Der Nachherfrage­bogen wurde zwei Wochen nach Veranstaltungsende per Post an alle Teilneh­mer versand und enthielt ein Anschreiben und einen frankierten Rücksendeum­schlag, um einen größeren Rücklauf zu gewährleisten. Nach vier Wochen folgte zur Rücklaufüberprüfung ein erneutes Erinnerungsschreiben per E-Mail. Zu einer schriftlichen Befragung entschied ich mich aus verschiedenen Gründen. Zum einen, um eine gewisse Objektivität zu erreichen, da es keinen Einfluss eines Interviewers gibt. Zum anderen, um eine größere Anonymität zu gewähr­leisten. Die schriftliche Befragung wird auch die „Forschung großer Zahlen“ genannt. Zwar hat die schriftliche Befragung den Nachteil, das Gesche­hene aus seinen Bezügen zu abstrahieren, sie gibt dafür aber ein breiteres Bild wider. Um die Prozesshaftigkeit der Erlebnis- und Umweltpädagogik in der Evaluation zu beachten, entschied ich mich daher für die Ergänzung mittels der teilnehmen­den Beobachtung, die eine kontextbezogene Betrachtung zulässt. Ein wichtiger Punkt bei der Erstellung der Fragen war die Mischung von ge­schlos­senen und offenen Fragen. Da die Fragebögen sehr umfangreich ausfie­len, sollte dadurch das Aufkommen von Monotonie verhindert werden. Die Fragbögen enthielten ein kurzes Anschreiben, in dem unter anderem Anonymität zugesichert wurde. Die Ordnung der Fragen erfolgte so, dass zu Beginn des Fragbogens allgemeine Fragen zu sozidemographischen Daten erhoben wurden und dann abwechselnd Sachfragen, Verhaltensfragen und Meinungsfragen aufgeführt wurden. Untersucht wurde die Bedeutung von Naturerfahrung für die Persön­lich­keitsentwicklung. Die Fragebögen der Vorher- und Nachherbefra­gung sind im Anhang abgedruckt.

 

VORABBEFRAGUNG

Der erste Fragebogen soll eine Bestandsaufnahme ermöglichen. Er gibt Auf­schluss über die bisherige Naturerfahrung von Jugendlichen. Das Konstrukt Naturerfahrung wird untergliedert in sieben Dimensionen:

Ø       Umweltwissen

Die Kategorie Umweltwissen enthält überwiegend offene Fragen zu Wissen über Tiere, Botanik, Naturzusammenhänge, Ökologie oder über die Herkunft von Lebensmitteln. Der Ursprung dieser Kenntnisse wurde auch abgefragt.

Ø       Umwelthandeln

In dieser Kategorie sollen Art und Häufigkeit von Umweltschutzhandlungen erhoben werden. Welche Opfer sind Jugendliche bereit für den Umweltschutz zu bringen?

Ø       Umweltmoral

Hier geht es um die persönliche Einstellung der Jugendlichen zu ökologischen Themen und Umweltschutz.

Ø       Natur im Alltag

Es soll hauptsächlich überprüft werden, ob die Entfremdung von der Natur auch auf Teilnehmer von „Natur pur“ zutrifft. Wie viel Platz hat Natur im Alltag der Jugendlichen und wie schnell ist Natur im Alltag für sie erreichbar? Wird Natur zur Freizeitgestaltung genutzt? Mit wie viel Natur sind sie als Kind aufge­wachsen?

Ø        Besondere Naturerlebnisse

Zum Naturerlebnis gehören Fragen wie: Gibt es Eindrückliches oder Außer­ge­wöhn­liches in der Naturerfahrung der AdressatInnen? Was ist Jugendlichen wichtig in der Natur? Was treibt Sie raus?

Ø       Umweltängste

Wie stark ist die Angst vor Umweltkatastrophen, Tieren und Krankheiten? Wie schätzen die FSJler die  gesellschaftliche Zukunft ein? Haben sie eher eine pessimistische oder eine optimistische Einstellung?

Ø       Einstellung zur Natur

Welchen Stellenwert hat Natur im Leben der Adressaten? Wie beschreiben Sie ihr Verhältnis zur Natur? Wird zum Beispiel im Freundeskreis darüber gespro­chen? Welche Definition, welche Naturkonzepte haben die Adressaten von Natur?

 

NACHHERBEFRAGUNG

Der Nachherfragebogen sollte hauptsächlich untersuchen, ob sich durch Natur pur etwas bei den Jugendlichen verändert hat, ob eine Entwicklung stattgefun­den hat oder ob sie etwas gelernt haben.

Ø         Konnten die Teilnehmer eine Veränderung an sich selbst bemerken? Haben sich ihre Einstellungen zur Natur verändert? 

Ø         Konnten Umweltängste abgebaut werden?

Ø         Wurde neues Wissen erworben?

Ø         Gab es Naturerlebnisse, die die Jugendlichen berührt haben, die sie zum Nachdenken angeregt haben über sich und ihren Standpunkt in der Welt? Wenn ja, welche Naturerlebnisse waren das?

Ø         Welchen Einfluss hatte das draußen unterwegs sein auf die Stimmung in der Gruppe?

Ø         Ist Natur so, wie sie pädagogisch aufbereitet wurde, ein Thema für Jugendli­che? War der Aufenthalt spannend oder langweilig? Konnte die Suche nach Abenteuer auch mit „leisen Aktionen“ gestillt werden?

 

 3.2.2  Teilnehmende Beobachtung

Die teilnehmende Beobachtung erfolgte teilweise schriftlich durch Protokollie­rung und teilweise durch Videoaufnahmen. Reflexionsrunden zum Beispiel zu Erwartungen vom Seminar oder zur Zufriedenheit am Ende wurden grundsätz­lich schriftlich protokolliert. Mit Hilfe der Beobachtungsnotizen wurde festgehal­ten, welche Teilnehmer jeweils Redebeiträge leisteten oder zu wel­chem Zeitpunkt besonders hervorstechende Momente auftraten. Überwiegend befand ich mich dabei in der Rolle des Beobachters. Aktionen leitete ich nur dann an, wenn dies unbedingt erforderlich war oder um den Trainern in Ausnahme­si­tuationen eine Entlastung anzubieten. Die Beobachtungsnotizen münden im Gegensatz zu den Fragebögen in subjektbehaftete Protokolle. Darüber hinaus filmte ich einzelne eindrückliche oder besonders typische Szenen, zum Beispiel die Stimmung während der Wanderung, als das Ziel Hinterwaldkopf endlich erreicht war, das Eintreten der Teilnehmer in die Schwitzhütte oder die „Ge­schich­ten“ der Mädchen, die an der Naturaufgabe teilgenommen hatten. Das Videoprotokoll diente lediglich der ergänzenden Erfassung der Veranstaltung und wurde keiner detaillierten Analyse unterzogen.

  3.2.3  Reflexionswand

Am Ende der Seminare wurde eine Reflexionswand angefertigt. Sie diente der Evaluation von „Natur pur“. Die Jugendlichen hatten am Abend vor dem Abrei­se­tag so noch die Gelegenheit ihre Freude und ihren Frust über das Seminar schrift­lich auf einem Plakat los zu werden. Hierbei fanden sich auch einige Stimmen zur Natur.

 


[1] Netzwerk für Teamentwicklung und Weiterbildung