Ergebnisse der Evaluation "Natur Pur"

 

 4.1  Soziodemographische Daten und Hintergrundvariablen

Die Teilnehmer und Teilnehmerinnen von Natur pur I und Natur pur II setzten

sich wie folgt zusammen:


Abb. 6: Geschlecht Gruppe I und II

Insgesamt nahmen an dem Seminar und der schriftlichen Befragung 38 Ju­gend­liche teil. Davon waren 28 weiblich und 10 männlich (vgl. Abb.6). Somit liegt der Anteil der Männer im Seminar bei 26 %. Das Seminar fand in zwei Gruppen statt. Die erste Gruppe hatte eine Größe von 20 Teilnehmern und die zweite Gruppe eine Größe von 18 Teilnehmern.

 Abb. 7: Schulabschluss

In Abbildung 7 ist die Häufigkeit der einzelnen Schulabschlüsse dargestellt. Danach hat der Großteil (~45%) der Teilnehmer einen Realschulabschluss.

Abb. 8: Altersverteilung im Seminar

Abbildung 8 zeigt die Altersverteilung der Jugendlichen im Seminar. Die mittle­ren Stufen 19 und 20 Jahre sind am stärksten besetzt.

Tab. 1: Staatsangehörigkeit der Seminarteilnehmer

Der Großteil der Jugendlichen hat die Deutsche Staatsbürgerschaft. Lediglich zwei Jugendliche sind ausländischer Herkunft.

Abb. 9: Mitgliedschaft in einer Umweltschutzorganisation

Die Mitgliedschaft in einer Umweltschutzorganisation wird als wichtige Variable angesehen, da sich naturbezogene Gruppen vermehrt mit Umweltthemen aus­ei­nan­dersetzen. Von 38 Teilnehmern gaben vier an, Mitglied in einer Umwelt­schutz­organisation zu sein. Das entspricht einem Prozentsatz von 10.5%.

 4.2  Ergebnisse der Vorherbefragung

An der Vorherbefragung nahmen beide Gruppen, also insgesamt 38 Jugendli­che teil. Die Fragebögen für Gruppe 1 und Gruppe 2 waren identisch. Die Ergeb­nisse der Befragung werden im Folgenden thematisch in verschiedene Untersu­chungsdimensionen gegliedert.

Ø       UMWELTWISSEN

Das Umweltwissen der Teilnehmer kann als gut bis befriedigend bezeichnet werden. Mit elementaren Rohstoffen von Lebensmitteln kennen sich die Ju­gend­lichen noch sehr gut aus. Wissen über Pflanzen, Tiere und Naturzusam­menhänge sind hingegen eher befriedigend bis lückenhaft.

Naturprodukte als Nahrungsmittel

Einfache Fragen, wie z.B. „Welche Ausgangspflanzen von Speiseöl kennst du?“ konnten alle Jugendlichen beantworten. Am häufigsten wurden Raps und Son­nen­blume genannt. Exotischere Pflanzen wie Distel, Nuss, Traubenkern, Se­sam oder Kürbiskern konnten nur einzelne FSJler nennen.

Auf die Frage: „Welche Ausgangspflanzen von Rosinen kennst du?“ konnten nur zwei Befragte keine Antwort geben. 36 Teilnehmer wussten, dass Rosinen ge­trocknete Trauben sind. Die Farbe von Vanillefrüchten kennen immerhin 33 Be­fragte. Statt der natürlichen Farbe der Vanille haben fünf Befragte die Ersatz oder Simulationsstoffe weiß und gelb benannt. Gelb ist die Lebensmittelfarbe, mit der Vanilleprodukte oft gefärbt werden und weiß ist die Farbe des künstlich hergestellten Aromastoffes Vanillin.

Wissen über Tiere und Botanik

Gut die Hälfte aller Befragten kann fünf Laubbäume aufzählen. 26% können Laub- und Nadelbäume nicht voneinander unterscheiden. Mehrfach werden Fichte und Lärche unter Laubbäumen aufgeführt. Noch schwieriger wird es bei den Nadelbäumen. Nur drei von 38 Befragten können noch fünf Nadelbäume aufzählen. 22 Befragte können immerhin zwei bis drei Nadelbäume nennen. Vier Jugendliche schreiben Enten die Farbe gelb zu. Wie die Früchte der Rose heißen können immerhin 18% beantworten.

Wissen über Naturzusammenhänge

Woran man eine gesunde Wiese erkennt, wussten nur 34% der Befragten.

 Ø       UMWELTHANDELN

In wie fern setzten sich Jugendliche heute für die Natur ein? Knappe 90% der Befragten sind der Meinung, dass jeder etwas für die Natur tun kann. Um zu überprüfen, ob dies nur abstrakte Bekenntnisse ohne Folgen sind, wurden die Teilnehmer befragt, welchen umweltfreundlichen Tätigkeiten sie im Alttag kon­kret nachgehen.

 Abb. 10: Umwelthandeln: Wie oft übst du folgende Tätigkeiten aus?

Die Teilnehmer sollten angeben, wie oft sie den aufgeführten Tätigkeiten in Abbildung 10 nachgehen. Dem zufolge steht das Sauberkeitsgebot Müll zu trennen und Müll zu vermeiden noch vor dem sparsamen Umgang mit Wasser und Energie. Abbildung 10 lässt auch erkennen, dass umweltgerechtem Verhal­ten, das mit größerem Aufwand verbunden ist, wie etwa für die Urlaubsplanung auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen nur selten nachgegangen wird. Um­welt­gerechtes Verhalten wird also so lange berücksichtigt, wie es die eigene Bequemlichkeit nicht zu sehr einschränkt. So bald mehr Eigeninitiative gefragt ist, schwindet die Motivation.

 

 Ø       Umweltmoral

 Abb. 11: Umweltmoral: Wie wichtig ist Jugendlichen Umweltschutz?

Für 56% der Befragten ist Umweltschutz ein wichtiges Thema. 19% geben sogar an, umweltschützerische Aktivitäten gerne zu machen. Aber nicht alle können mit Umweltschutz etwas Positives verbinden. 15% der Befragten finden Umweltschutz anstrengend oder lästig und weiteren 12% ist das Thema egal.

 Ø       Natur im Alltag

 Abb. 12: Naturkontakte im Alltag

Die meisten Jugendlichen haben viele Naturkontakte im Alltag. 21% der Befrag­ten gaben an jeden Tag und 45% mehrmals in der Woche in der Natur zu sein. Lediglich einen Teilnehmer kann man als Stubenhocker bezeichnen. Er/Sie gab an, nie in die Natur zu gehen. Hier schließt sich die Frage an, von welcher Qualität die Naturerfahrungen sind, die Jugendliche im Alltag machen.

 Abbildung 13 gibt Aufschluss darüber, welchen Arten von Naturerfahrung Ju­gend­lichen nachgehen. Sie wurden befragt, wie oft sie verschiedene Tätigkei­ten in der Natur bisher gemacht haben. Es zeigte sich, dass die Naturerfahrung Jugendlicher vor allem von ästhetischen Momenten geprägt ist. 34 Jugendliche gaben an, oft schöne Augenblicke in der Natur genossen zu haben. Relativ viel Kontakt haben Jugendliche auch zu Tieren. 28 Befragte gaben an, schon oft ein Tier versorgt oder gepflegt zu haben. Auch sportliche Aktivitäten sind bei Ju­gend­lichen sehr beliebt. 60% der Befragten betreiben oft Natursportarten. Das Schlusslicht bilden naturschützerische Aktivitäten. 47% der Befragten gaben an noch nie an naturschützerischen Aktivitäten teilgenommen zu haben. Dies steht in krassem Widerspruch zu den Ergebnissen in Abbildung 11, wonach über die Hälfte der Befragten Umweltschutz für wichtig halten. Hier wird deut­lich, dass eine umweltbewusste Einstellung und tatsächliches Umwelthan­deln nicht aneinander gekoppelt sind.

 Abb. 13: Art und Häufigkeit jugendlicher Naturerfahrungen

 Ø       BESONDERE NATURERLEBNISSE

Insgesamt 37 Jugendliche können ein eindrucksvolles Naturerlebnis berichten. Nur einem Befragten fällt dazu nichts ein. Auffällig ist auch, dass die Erlebnisse fast ausschließlich positive Aspekte der Natur betreffen, wie Freiheit, Ruhe, Schönheit oder Gemütlichkeit. Dabei reichen die Naturerlebnisse von einfa­chen, alltäglichen Naturvorgängen bis hin zu spektakulären Naturschauspielen:

„Ich liege oft abends im Liegestuhl und schaue mir den Himmel an. Das hat für mich was total Schönes und Beruhigendes.“

„Auf dem Olympiaberg in München, geile Aussicht, ruhig, Sonnenuntergang gesehen.“

„Schon einfachere Dinge, wie ein schöner Regenbogen oder der leuchtend roter Himmel bei Sonnenuntergang finde ich eindrucksvoll.“

„Im Urlaub auf Korsika einen Tag in der freien Natur zu wandern, wilde Tiere entdecken, einfach nur frei sein.“

 Dabei können sich Jugendliche oft noch an genaue Details erinnern oder Na­tur­erlebnisse aus ihrer Kindheit beschreiben.

„Ich war auf Lanzarote und hab ein noch aktives Vulkangebiet besucht. Wir sind durch Vulkane gelaufen, drinnen gabs ganz klare Seen mit Minikrebsen drin. Man konnte Fleisch über einem Erdloch grillen. Die Temp. in 2 Metern Tiefe betrug ca. 400°C.“

„Am Waldtag im Kindergarten haben wir auf dem Rückweg einen Igel gefunden, haben uns leise verhalten und sind weitergegangen.“

„Als ich klein war, hat mich mein Opa nachts mit auf den Jägerstand genommen um Tiere zu beobachten.“

Einige Jugendliche verbinden mit eindrucksvollen Naturerlebnissen auch die Erfahrung von Gemeinschaft und Zusammengehörigkeit oder besondere Men­schen.

„Mit meinen Freunden am See zu sein und zu zelten, ohne Handyempfang und mit Lagerfeuer und Gitarre. Einfach nur da zusitzen und zu reden über Gott und die Welt ist für mich viel mehr wert als ein Abenteuer.“

„Mit der Stufe in der Schule im Wald grillen und dort geschlafen. Am Lagerfeuer sitzen, chillen, Gemütlichkeit.“

„Ich habe die letzte Zeit mit meinem Vater in der Natur verbracht bevor er starb.“

Ø       UMWELTÄNGSTE

Die Dimension Umweltängste wird unterteilt in zwei Bereiche. Zum einen in Ängste vor Umwelteinflüssen (Abb. 14) und zum anderen in Ängste vor Um­weltkatastrophen (Abb. 15).

 

Abb. 14: Angst vor Umwelteinflüssen

Um ein deutlicheres Bild zu bekommen, wurden die Items keine und wenig Angst zusammengefasst, genauso wie die Items große und sehr große Angst. Abbildung 14 zeigt, dass die Angst oder der Ekel vor Spinnen und Insekten bei den Jugendlichen am Größten ist. Neun Befragte geben an, große Angst davor zu haben. Ebenso viel Angst erzeugen Krankheiten wie Tollwut oder Fuchs­bandwurm. Diese Angst stellt im Gegensatz zur Angst vor Spinnen eine reale Bedrohung dar. Genauso wie die Angst vor sexuellen Übergriffen, die überwie­gend Frauen und Mädchen betrifft. Dieses Item wurde nur von Teilnehmerinnen angekreuzt, was sicherlich auch daran liegt, dass überwiegend Frauen und Mädchen sexuellen Straftaten zum Opfer fallen. In Abbildung 14 wird auch deutlich, dass es durchaus Jugendliche gibt, die vor Dunkelheit oder sogar vor Dreck große Angst haben. Dies gilt es besonders in der Durchführung von erlebnispädagogischen Maßnahmen zu beachten. Solche Ängste sollten immer ernst genommen und nicht bagatellisiert werden.

Um zu ermitteln, wie groß die Angst der Befragten vor Umweltkatastrophen ist, wurden verschiedene Umweltkatastrophen aufgezählt. Diese konnten mittels einer Itemwahl von 1 (keine Angst) bis 5 (große Angst) eingestuft werden. Für Abbildung 15 wurden die Items 4 und 5 zusammengefasst, um eine aussage­kräf­tigere Darstellung zu erhalten.

 

Abb. 15: Angst vor Umweltkatastrophen

Abbildung 15 zeigt seht eindrücklich, dass die Angst vor Umweltkatastrophen bei Jugendlichen insgesamt sehr groß ist. Selbst vor Wirbelstürmen und Tsuna­mis, von welchen Deutschland weniger betroffen ist, haben noch über die Hälfte der Befragten große Angst. An erster Stelle stehen Umweltkatastrophen, die Men­schen direkt sichtbar und fühlbar berühren, wie Wasserarmut, verseuchte Böden und die Verschlechterung der Wasserqualität.

 Ø       EINSTELLUNG ZUR NATUR

Die Einstellung der Jugendlichen zur Natur wurde ermittelt durch verschiedene Glaubenssätze. Diese Sätze konnten mittels einer Itemwahl von 1 (stimme ich gar nicht zu) bis 5 (stimme ich voll zu) von den Befragten eingeordnet werden.

Es zeigt sich, dass Natur einen wichtigen Stellenwert im Leben der Jugendli­chen hat. Der Aussage „Ohne Natur könnte ich nicht leben“ stimmen 63% voll zu. Des Weiteren sind die meisten Jugendlichen der Auffassung, dass der Mensch viel von den Naturvorgängen lernen kann. Dieser Aussage stimmen 55% voll zu. 76% der Jugendlichen glauben, dass Tiere eine Seele haben und 32% der Befragten glauben, dass Bäume eine Seele haben. Im losgetrennten Werte­horizont der Jugendlichen nimmt Natur damit einen hohen Stellenwert ein. 74% gestehen dem Menschen sogar ein Recht auf Natur zu. Sie meinen, dass jeder Mensch ein Recht auf freien Naturzugang hat.

 4.3  Ergebnisse der Nachherbefragung zwei Wochen nach der

        Veranstaltung

Der Fragebogen der Gruppe 1 unterscheidet sich minimal von dem Fragebogen der Gruppe 2. Dies liegt daran, dass einzelne Items den Inhalten im Seminar angepasst wurden. Die Auswertung erfolgt daher bei einigen Fragen getrennt. Die Rücklaufquote der Fragebögen betrug bei der 1. Gruppe 50% und bei der 2. Gruppe knappe 30%. Insgesamt nahmen damit 15 Teilnehmer an der Nachher­befragung teil. Für die Auswertung werde ich auf sieben Unterpunkte eingehen:

 

Ø         NATUR – EIN THEMA FÜR JUGENDLICHE

Die Teilnehmer des Seminars wurden befragt, inwiefern der Aufenthalt und die Programmgestaltung für sie spannend oder langweilig waren. Abbildung 16 zeigt sehr deutlich, dass für den Großteil der Jugendliche das Seminar span­nend bis sehr spannend war.

 

Abb. 16: Auswertung des Seminars

Auf die Frage: „Woran denkst du, jetzt nach deinem Aufenthalt hier, wenn du das Wort Natur hörst“, sollten die Befragten drei spontane Assoziationen notie­ren. Häufig wurden dabei die Begriff Ruhe und Schönheit genannt. Auffällig ist, dass nur positive Assoziationen genannt wurden. Die Jugendlichen verbinden mit Natur sowohl Freiheit, Spaß, Unabhängigkeit und Abenteuer, als auch Ver­bun­denheit, Ursprünglichkeit, Natürlichkeit und Zufriedenheit. Hier wird deutlich, welche Spannbreite an Erfahrungen der Kontakt mit der Natur für jeden bereit­hält.

 Ø         EINDRUCKSVOLLE NATURERLEBNISSE

In einer offenen Frage, sollten die Jugendlichen notieren, von welchem ein­drucks­vollen Naturerlebnis sie zu Hause zuerst erzählt haben. Geantwortet haben sie Folgendes:

Gruppe 1

Klettern

5 Nennungen

Lichterreise

3 Nennungen

Wandern

2 Nennungen

Nachtwanderung

1 Nennung

Baden im Bach

1 Nennung

Hitze

1 Nennung

Sonnenuntergang

1 Nennung

Lagerfeuer

1 Nennung

Tab.: Eindrucksvolle Naturerlebnisse Gruppe 1

Gruppe 2

Bachwanderung und

Wasserfallklettern

3 Nennungen

Klettern

2 Nennungen

Gewitter

2 Nennungen

Natur allgemein

1 Nennung

Tab.: Eindrucksvolle Naturerlebnisse Gruppe 2

Hier wird deutlich, dass sich das Klettern immer noch größter Beliebtheit erfreut. Dennoch können auch unspektakulärere Aktionen, wie Wandern, Bachwande­rung, Baden im Bach oder die Lichterreise einen starken Eindruck hinterlassen. Auch Naturphänomene, wie ein Gewitter, Hitze oder ein Sonnenuntergang sind wertvolle Erlebnisse für die Jugendlichen. Dass nicht ausschließlich die Abenteuer versprechenden Aktionen Ju­gendliche an ihre Grenzen bringen, zeigen Abbildung 17 und 18.

Gruppe 1

Abb. 17: Grenzerlebnisse Gruppe 1

Abbildung 17 zeigt, dass auch eine anstrengende Wanderung oder der Aufent­halt in einer Schwitzhütte Jugendliche an ihre Grenzen bringen kann. Selbst das Arbeiten mit Speckstein oder die Bewältigung der Naturaufgabe können eine persönliche Herausforderung sein.

Gruppe 2

Abb.18: Grenzerlebnisse Gruppe 2

Auch bei der zweiten Gruppe wird deutlich, dass für manche Jugendliche die Auseinandersetzung mit der Dunkelheit während der Lichterreise eine enorme Herausforderung darstellt und sie ähnlich viel Überwindung kostet, wie die Angst vor der Höhe beim Klettern.

 

Ø         ABBAU VON UMWELTÄNGSTEN

Abbildung 19 gibt Aufschluss darüber, wovor die Jugendlichen am meisten Angst hatten bei ihrem Aufenthalt in der Natur. Für diese Frage wurden die Er­geb­nisse von Gruppe 1 und Gruppe 2 in einer Abbildung zusammengefasst.

Abb. 19: Ängste während Natur pur Gruppe 1+2

Die Teilnehmer wurden gefragt, ob sie in den vier Tagen „Natur pur“ auch Ängste abbauen konnten. Geantwortet haben insgesamt 12 Jugendliche. Sie­ben Jugendliche gaben an, keine Ängste abgebaut zu haben. Fünf Jugendli­che gaben an, dass sie mit ihren Ängsten besser umgehen können und diese teil­weise sogar ganz verschwunden sind. Genannt wurden die Angst vor Insek­ten, vor der Dunkelheit, leichte Höhenangst und die Angst vor Feuer.

 

Ø         ANEIGNUNG VON UMWELTWISSEN

11 von 15 Jugendlichen geben an, während Natur pur die Zeit genutzt zu haben, um in Gesprächen etwas über Naturzusammenhänge zu erfahren. Das zeigt, dass Jugendliche durchaus Interesse an Naturzusammenhängen haben und das Seminar auch genutzt wurde, um offene Fragen zu klären. Die Jugend­li­chen wurden auch gefragt, ob sie etwas lernten, was sie vorher nicht gewusst haben. Die knappe Hälfte, 7 von 15 Befragten gaben folgendes an (je eine Nennung):

Ich habe gelernt….

§      wie hoch der enorme Wasserverbrauch eines Menschen ist.

§      wie eine Schwitzhütte und Bergsteigen abläuft.

§      wie Zigaretten die Umwelt verschmutzen.

§      wie bewusst man mit der Natur leben kann.

§      wie man eine Schwitzhütte baut (2 Nennungen).

§      zu viel zum aufzählen.

Interessanterweise können sich einige Jugendliche zwei Wochen nach dem Seminar an Verhal­tens­regeln erinnern, wie etwa der sparsame Umgang mit Wasser oder, dass alle ihre Zigaretten aus dem Wald wieder mitbringen. Dies zeigt, dass sie diese Vorschriften verinnerlicht haben. Sie haben es nicht ein­fach nur gehört und wieder vergessen, sondern etwas Neues gelernt. Auch im Seminar konnte man immer wieder erleben, wie überrascht manche Jugendli­che waren, wenn sie er­fuhren, dass ihr eigenes Verhalten, welches sie für umweltfreundlich hielten um­weltfeindlich ist.

 

Ø         VERÄNDERUNG DER EINSTELLUNG

Für die Frage nach der Einstellungsveränderung wurden Gruppe 1 und Gruppe 2 in Abbildung 20 zusammengefasst. Danach geben 11 von 15 Jugendlichen an, dass sich ihre Einstellung der Natur gegenüber positiv verändert hat.

Abb. 20: Einstellungsveränderung Gruppe 1+ 2

 

Ø         NEUE LERNANREIZE FÜR DIE ENTWICKLUNG DER PERSÖNLICHKEIT

Um zu ermitteln, ob die Teilnehmer auch persönlich von dem Seminar profitiert haben, wurden sie gefragt, ob sie etwas von der Natur lernen konnten. Dabei gaben sie folgende Antworten:

Gruppe 1

§      Ja, die Luft ist viel sauberer als zu Hause.

§      Ruhe, Stetigkeit, Gelassenheit und Erfinderreichtum.

§      In der Natur lebt alles zusammen aber dennoch für sich.

§      Ja, dass wir Natur sehr gut beobachten können. Ansonsten sollen wir Natur sehr gut behandeln.

§      Ja, in der Natur ist alles gelassen. Zu Hause habe ich so viel Stress, dass ich gar nicht mehr wusste, wie schön es in der Natur ist, weil ich keine Zeit dafür hatte. Jetzt nehme ich mir diese Zeit!

§      Da ich in meiner Freizeit einige Zeit in der Natur verbringe, hat sich mein Bild von der Natur in den vier Tagen nicht verändert.

§      Nein (2 Nennungen)

Gruppe 2

§      Nein, aber die Natur ist Vorgeber, was wir Menschen umgesetzt und entwickelt haben.

§      Man kann alles Mögliche von der Natur lernen, aber da reichen vier Tage längst nicht aus.

§      Es ist vollkommen egal, ob man einen schlechten Tag oder eine schlech­te Erfahrung gemacht hat, in der Natur gibt es Dinge, die schon viel mehr mitgemacht haben und Jahrzehnte überstanden haben, ohne daran Schaden zu nehmen. Das ist viel wichtiger und beruhigend. Kleine Fehler erscheinen einem gar nicht mehr so wichtig, wenn man sich das vor Augen hält.

§      Vieles positiver zu sehen wie z.B. der Regen - das Wasser ist lebensnotwendig für alle Lebewesen (Tiere, Pflanzen).

Hier wird deutlich, dass Jugendliche in der Natur auch persönliche Erfahrungen machen, die ihnen helfen können ihren Alltag besser zu bewältigen. Ob es nun darum geht, sich in mehr Gelassenheit zu üben, oder sich Freiräume zum durch­atmen zu schaffen - oft hat die Natur dabei die Rolle einer Lehrmeisterin.

 

In einer weiteren offenen Frage, sollte untersucht werden, ob die Jugendlichen an sich selbst eine Veränderung bemerkt haben und wie sich das draußen sein konkret auf sie auswirkte. Folgendes haben sie geantwortet:

Gruppe1

§      Bin relaxed nach Hause gekommen.

§      Ich war entspannter und nehme die Sonne jetzt noch ernster.

§      Ich fühlte mich hinterher deutlich entspannter und fitter als vorher.

§      Eigentlich nicht!

§      Als ich zu Hause ankam, hatte ich nach ca. 10 Min. den Drang nach draußen zu gehen.

§      Nein, denn ich bin sehr oft in der Natur.

§      Sehr positiv, weil es sehr interessant gewesen ist.

§      Ich war total entspannt und zufrieden. Mir hat es an nichts gefehlt und ich habe mich rund um die Uhr wohl gefühlt. Schrammen haben mir nichts gemacht, der Spaß hat gezählt!

§      Ich bin in mir ruhiger geworden. Ich habe meinen Stress abgebaut.

Gruppe 2

§      Ekel vor kleinen Krabbeltieren wurde weniger.

§      Ich war sehr gut gelaunt.

§      Sehr positiv, aber ich bin oft draußen in der Natur und kann deshalb keine Veränderungen bemerken.

§      Ja, ich habe mir zumindest in der ersten Zeit viele Gedanken über mich selbst gemacht. Ich habe während dieser vier Tage einiges über mich selbst gelernt.

§      Ich habe mich viel freier und unabhängiger gefühlt, aber eine große Veränderung habe ich nicht bemerkt.

Auffällig ist, dass die meisten Jugendlichen eine positive Veränderung an sich bemerken konnten. Häufig werden größere Zufriedenheit und Gelassenheit genannt. Der Naturkontakt hatte für viele eine Art Erholungscharakter. Wie im Urlaub kann Stress abgebaut werden, man fühlt sich frei und unabhängig und hat Zeit über sich selbst nachzudenken.

 Für die Jugendlichen, die an der Naturaufgabe der Gruppe 2 teilgenommen haben, wurde eine Frage im Bezug auf die Zeit, die die Jugendlichen alleine in der Natur verbracht haben in den Fragebogen aufgenommen. Die Jugendlichen wurden befragt, ob sie in dieser Zeit der Naturaufgabe ein Erlebnis hatten, durch das sie bestimmte Aspekte ihres Lebens besser verstehen konnten. Von vier Jugendlichen gaben zwei an, solch ein Erlebnis gehabt zu haben (siehe Abbildung 21).

 

Abb. 21: Auswertung Naturaufgabe Gruppe 2

 

Ø         DER EINFLUSS VON NATUR AUF DIE GRUPPENDYNAMIK

Abb. 22: Einfluss auf die Gruppe (1+ 2)

Die Teilnehmer wurden befragt, wie sich der Aufenthalt im Freien ihrer Meinung nach auf die Gruppen ausgewirkt hat. In Abbildung 22 wird offensichtlich, dass der Großteil der Jugendlichen der Meinung ist, dass sich der Aufenthalt im Freien positiv auf die Gruppe ausge­wirkt hat.

 

Ø         DER EINFLUSS DER TRAINER

Die letzte Frage ging auf den Einfluss der Trainer näher ein. Die Jugendlichen wurden gefragt, ob sie einer der Trainer besonders beeindruckt hätte und warum. Die Antworten zeigen, was es braucht, um Jugendliche zu beeindrucken:

§      Unser Trainer war sehr nett und hat auch Grenzen gesetzt, das schätze ich sehr an Menschen.

§      Eigentlich haben mich alle beeindruckt, weil es anstrengend ist so etwas zu leiten. Und weil man merkt, dass sie sich jeder auf seine Art intensiv und gerne mit der Natur beschäftigt.

§      Ihr vier habt mich alle gleichermaßen beeindruckt, weil ihr alle einfach echt seid.

§      Mich haben alle beeindruckt, wie man so viele Leute auf einmal begeistern kann.

§      Alle, weil jeder etwas besonderes drauf hatte. Das ein Trainer geklettert hat, war auch echt toll. Es ist jeder brutal nett gewesen.

§      Der Christian. Er hatte viele Ideen und war sehr variabel. Die Lisa. Sie wusste so viel über die Natur, für mich kam es so vor als wüsste sie alles.

§      Alle waren super, es hat einfach gepasst und mir ist es schwer gefallen wieder nach Hause zu gehen.

§      Eigentlich alle vier, weil jeder etwas ganz besonderes ist, sehr individuelle Persönlichkeiten mit sehr interessanten Lebensläufen, Erfahrungen. Besonders Ute mit dem Medizinrad, das beschäftigt mich immer noch und ich finde immer mehr Übereinstimmungen.

§      Ute. Trotz Babybauch in einer ungemütlichen Hütte zu schlafen.

Die Trainer konnten die Jugendliche beeindrucken durch ihre Freundlichkeit und ihr Durchsetzungsvermögen, durch Flexibilität, Wissen, Durchhaltevermö­gen, Methodenkenntnisse und ihre Begeisterungsfähigkeit. Nicht zuletzt wirken Menschen vor allem durch ihre Persönlichkeit. In den Aussagen der Jugendli­chen wird deutlich, wie wichtig es für sie ist, dass Trainer authentisch und damit glaubwürdig sind, dass sie selbst leben, was sie zu vermitteln versuchen.

 

 4.4  Ergebnisse der teilnehmenden Beobachtung

Im Folgenden möchte ich einige für mich wesentliche Beobachtungen schildern, die ich während meinem Aufenthalt bei Natur pur I und II machen konnte. Dazu werde ich diverse Situationen darstellen, die mir für die Evaluation wichtig zu sein scheinen. Ich werde jeweils angeben, welche Gruppe die Beobachtung betrifft, wie viele Teilnehmer anwesend waren und wie sich das Setting der Situation gestaltete. Verwendete Zeichen werden in folgender Legende kurz erklärt:

 

(tln. Beobachtung Beginn)                  

Hier beginnt die teilnehmende Beobachtung.

(tln. Beobachtung Ende)

Hier endet die teilnehmende Beobachtung.

[……..]

Text, der in eckige Klammer gesetzt ist, dient der Erläuterung oder Erklärung und gehört nicht zur Beobachtung selbst.

„Hey, ohne…“

Wörtliche Zitate der Teilnehmer.

Legende 1: Zeichenerklärung zur teilnehmenden Beobachtung

 

1.         DIE WANDERUNG AUF DEN HINTERWALDKOPF

Am ersten Tag wanderten zwei Betreuer und ich mit der 1. Gruppe auf den Hin­terwaldkopf. Es war eine lange, anstrengende Wanderung und alle Teilneh­mer (insg. 20 FSJler) kamen mit. Unter Ihnen hatten einige zu Beginn Skepsis geäu­ßert. Vier männliche Teilnehmer gaben an, Wandern zu hassen. Zwei von Ihnen beschrieben sich selbst als äußerst unsportlich und vielen immer wieder hinter den Rest der Gruppe zurück.

(tln. Beobachtung Beginn)

Der Wanderweg ging steil bergauf und es dauerte knappe zwei Stunden, bis wir den Gipfel erreichten. Dort oben saßen alle zusammen im Gras, machten ein Picknick und staunten über den Ausblick. Als die Nachzügler verspätet oben ein­trafen, applaudierte der Rest der Gruppe. Obwohl diese vier Jungs große Bedenken zu Beginn der Wanderung geäußert hatten, entdeckten sie einen besonderen Wert, diese Anstrengung auf sich genommen zu haben. Einer dieser vier Jungs begrüßte mich oben auf dem Gipfel mit den Worten: „Hey, es war voll anstrengend, aber es hat sich gelohnt hier hoch zu laufen“. Ein weiterer Teilnehmer, der  zu Beginn der Wanderung eine besonders ablehnende Hal­tung zeigte, sagte zu mir beim Hinuntergehen: „Am Anfang denkt man so… ähh wandern…aber dann war`s doch voll gut“.

(tln. Beobachtung Ende)

 Eine weitere interessante Situation, die ich erlebte, ereignete sich auf dem Rück­weg der Wanderung durch den Wald.

(tln. Beobachtung Beginn)

Eine Betreuerin und ich liefen mit zwei langsameren Jungen zurück. Es waren die gleichen Jungs, die ich oben zitiert habe. Beide erzählten uns beim Hinun­ter­gehen, dass sie sich gar nicht freiwillig gemeldet hätten und sie nur ungern hier währen. Sie hätten beide nichts am Hut mit Natur und wären lieber in ein anderes Seminar gegangen. Nach einiger Zeit blieben die Betreuerin und ich stehen, um junge Tannwipfel  zu sammeln, die am Wegesrand lagen. Später wollten wir mit ein paar Freiwilligen Tannwipfelhonig daraus machen. Die zwei Jungs warteten erst gelangweilt auf uns, kamen dann jedoch interessiert näher. Sie schauten uns eine Weile zu bis einer fragte, was wir da täten. Als wir Ihnen erklärten, dass wir aus den Tannwipfeln Honig kochen wollen, sagte einer der Jugendlichen anerkennend: „Hey, was ihr alles für Ideen habt. Bin mal ge­spannt, wie das schmeckt“.

(tln. Beobachtung Ende)

Diese Situation blieb mir besonders lange im Gedächtnis. Sie beeindruckte mich deshalb so, weil sie mir zeigte, dass man selbst Jugendliche, die kein Interesse für Natur mitbringen, mit einfachen Dingen zum Staunen bringen kann. Obwohl die zwei Jungen unfreiwillig ihre Zeit „absaßen“, konnten wir ihr Interesse für die Natur wecken. Nicht unwesentlich scheint mir dabei zu sein, dass die zwei Jungs nicht von uns gedrängt wurden, etwas über diese Tannwip­fel in Erfahrung zu bringen. Sie wurden nicht von uns angehalten selbst welche zu sammeln. Im Gegenteil, es war eine offene Atmosphäre und die beiden kamen freiwillig auf uns zu.  

(tln. Beobachtung Beginn)

Ganz am Ende des Seminars sagte eine Teilnehmerin zu uns Betreuern: „Die Wanderung war das eindrucksvollste Naturerlebnis, das ich je hatte“.

(tln. Beobachtung Ende)

Ein sehr schönes Beispiel, dass für Jugendliche nicht immer nur Klettern oder Mountainbiking eindrucksvoll sind. Es können auch ganz einfache Dinge sein, wie eine Wanderung. Dies zeigt auch folgende Situation nach der Lichterreise.

 

2.         DIE LICHTERREISE

Am dritten Abend machten wir mit einem Teil der 1. Gruppe eine Lichterreise durch den Wald. Die Teilnahme war freiwillig. Insgesamt nahmen 14 Jugendli­che teil. Bei der Lichterreise geht es darum, alleine durch ein dunkles Stück im Wald zu gehen. Einzige Orientierung dabei sind in Sichtweite angebrachte Ker­zen, die den Weg markieren. Am Einstieg und am Ausstieg der Lichterreise wartet jeweils ein Betreuer. Die Lichterreise, die ja im Grunde eine simple Be­gegnung mit der Nacht und der Dunkelheit darstellt, war dennoch für viele Ju­gendliche ein echtes Abenteuer.

(tln. Beobachtung Beginn)

Ein männlicher, sonst eher auffälliger, lauter Teilnehmer kam am Ende der Lich­terreise mit einer Zigarette im Mund an. Er schien nervös und aufgeregt zu sein. Nach ein paar Minuten fragte ich ihn, wie es ihm ergangen sei. Er antwortete „Hey ohne Scheiß Mann, ich habe mich gefühlt, wie in Saw 2“. [Für Jeden der Saw 2 nicht kennt: Dies ist ein Horrorfilm, der sich besonders unter männlichen Jugendlichen großer Beliebtheit erfreut.] Auch andere Jugendliche äußerten sich ähnlich: „Obwohl ich Angst hatte, fand ich`s cool“.

(tln. Beobachtung Ende)

Dies ist für mich eine Bestätigung dafür, dass es in der Erlebnispädagogik nicht immer Laute und spektakuläre  Aktionen braucht, um Jugendliche in Grenz­si­tua­tionen zu bringen oder ihrem Bedürfnis nach Abenteuer nach zu kommen. Dunkelheit und Kerzen waren hier völlig ausreichend.

 3.         NATURAUFGABE

Eine Situation, die ich sehr ausführlich beschreiben werde, ist die Naturauf­gabe, denn sie stellt für mich eine Art Schlüsselerlebnis dar. Bei keiner anderen Aktion während der vier Tage, habe ich erlebt, dass Jugendliche sich so geöff­net haben. Am dritten Tag des zweiten Seminars ging ich mit insgesamt fünf Mädchen und einer Betreuerin zu einer nahe gelegenen Wiese, etwas abseits der anderen. Die zweite Gruppe war von ihrer Dynamik viel introvertierter, viel­leicht auch etwas schwerfälliger als die erste Gruppe. Es fiel den Betreuern nicht leicht, Vertrauen in der Gruppe zu wecken.

(tln. Beobachtung Beginn)

Wir saßen alle im Kreis. Die Naturaufgabe begann mit einer Einführung in das indianische Medizinrad[1], das vor uns am Boden in den vier Himmelrichtungen symbolisch aufgebaut war. Gemeinsam mit den Jugendlichen erarbeiteten wir typische Charakteristika der einzelnen Lebensab­schnitte. Interessant war dabei, dass die Gruppe ganz lange über das Thema Alter und Tod sprach. Viele der Mädchen hatten im FSJ eigene Erfahrungen mit alten Menschen gemacht und berichteten ausführlich darüber. Alle fünf Mäd­chen äußerten ein großes Defizit an alten, weisen Menschen in unserer Gesellschaft und eine große Sehnsucht nach Erfahrung, Weisheit und Führung. Ein Mädchen sagte: „Manchmal sehne ich mich einfach nach einem alten Men­schen, der mir mit seiner Lebenserfahrung weiter helfen kann. Der mir sagt, wo`s lang geht und Orientierung gibt“. Diese Unterhaltung ging immer weiter in diese Richtung und schließlich kamen die Mädchen darauf, dass es so schwer sei in der heutigen Gesellschaft, seinen Weg zu finden. Angesichts der vielen Möglichkeiten fühlten sich viele überfordert, ihren eigenen Standpunkt zu fin­den. Die Aufgabe, mit der die Mädchen daher anschließend raus in die Natur ge­schickt wurden hieß: Wie bewege ich mich  und wie bewegt sich die Natur? [In diesen Fragen stecken die Begriffe Weg und Bewegung. Die Jugendlichen sollten also den Fokus darauf richten, welche möglichen Wege sich ihnen in der Natur erschließen und welche Arten und Formen der Bewegung in sich und um sie herum existierten.] Die fünf Mädchen gingen anschließend für eine Stunde alleine in die Natur. Sie durften nichts mitnehmen, was sie ablenken könnte und sollten auch keiner besonderen Tätigkeit nachgehen, wie Holz holen oder Stau­dämme bauen.

 Nachdem alle wieder zurück waren, versammelten wir uns im Kreis auf der Wiese. Die Betreuerin ließ den Talking Stick reihum durchgeben, und wer wollte, durfte erzählen was er draußen erlebt hatte. Die Betreuerin, eine ausgebildete Visionssucheleiterin, spiegelte anschließend die Geschichten, indem sie diese nacherzählte, auf bestimmte Punkte näher ein­ging und Bezüge zur aktuellen Lebenssituation der Teilnehmerinnen heraus­ar­beitete. Im Folgenden beschreibe ich eine sehr eindrückliche Geschichte und ihre Spiegelung:

 

Geschichte:

Mädchen: „Ich ging los in diese Richtung und fühlte mich gleich irgendwie vom Bach angezogen. Ich habe ein Handtuch mitgenommen und habe mich dort oben neben einen Felsen hingelegt. Ich lag da ne Weile und fühlte mich auf ein­mal aufgewühlt. Ich hatte das Gefühl unbedingt zum Bach zu müssen. Dort habe ich dann Steine beobachtet, ganz viele, große und kleine. Das ist mir so noch nie aufgefallen. Ich habe sie gewaschen, mit ihnen gespielt und sie lange angeschaut. Damit habe ich mich glaub ich eine Dreiviertelstunde beschäftigt. Ich habe gar nicht die Zeit bemerkt. Es war, als wäre sie stehen geblieben. Ein paar Steine habe ich mitgebracht“ Das Mädchen holt sieben Steine aus ihrer Tasche und legt sie vor sich auf ein Tuch. Alle sieben Steine haben eine auffäl­lig, markante Herzform.

 Spiegelung:

Die Geschichte zeigt ein großes Vertrauen in die eigene Intuition. Das Mädchen ist dem eigenen Drang gefolgt, an den Bach zu gehen. Das heißt, sie ist gut im Kontakt mit sich selbst und ihren Bedürfnissen. Sie zeigt eine besondere Wahr­neh­mung und Feinfühligkeit auch für die kleinen Steine im Bach. Dass sie sich intensiv über längere Zeit nur mit den Steinen beschäftigt hat zeigt, dass sie sich sehr gut auf die Übung einlassen konnte. Auffällig ist, dass alle Steine eine Herzform haben.

Die Betreuerin fragt das Mädchen, was dies im Bezug auf ihre aktuelle Lebens­situation bedeuten könnte. Das Mädchen fängt daraufhin stark an zu weinen und erzählte uns, dass vor zwei Jahren ihr Vater gestorben sei. Seit dem wäre ihr Herz hart geworden. Sie hätte nie richtig getrauert, aus Angst diesen Schmerz nicht aushalten zu können. Es war das erste Mal, seit dem Tod ihres Vaters, dass sie weinen konnte.

(tln. Beobachtung Ende)

 Wie diese Geschichte waren auch die Erlebnisse der anderen Mädchen sehr individuell. In den Schilderungen der Mädchen wurde deutlich, dass sie mit einer ganz anderen Wahrnehmung und Sensibilität in die Natur raus gegangen sind, die sich stark von der Art und Weise unterscheidet, im Alltag einen Spa­zier­gang zu machen. Alle Mädchen haben auf ihre Weise etwas über sich selbst erfahren. Ihre Geschichten waren spannend und bereichernd. Bei vielen Mädchen sind Tränen geflossen und ihre Erlebnisse waren Auslöser über ihre Familien, über Krankheiten oder schwierige Lebensereignisse zu sprechen.

 

4.         AUF DEM HINTERWALDKOPF

Eine Gruppe von zehn Jugendlichen kam auf der Wanderung zuerst auf dem Gipfel des Hinterwaldkopfs an. Sie setzten sich ins Gras und staunten über den Ausblick.

(tln. Beobachtung Beginn)

Ein Mädchen ärgert sich kurze Zeit später über die Insekten um sie herum. Schließlich sagt sie in die Runde: „Ihh, die Tiere hier sind voll aufdringlich“. Ein Junge antwortet ihr: „Ja was meinst du, was die von uns denken“.

(tln. Beobachtung Ende)

Welches Verhalten in der Natur ethisch korrekt ist, wurde nur selten autoritär von den Trainern entschieden. Stattdessen waren die Jugendlichen gefordert, sich untereinander oder mit sich selbst damit auseinander zu setzen. Dialoge wie diesen konnte ich häufiger beobachten. Dies zeigt, dass normative Fragen eine Relevanz im Seminar hatten und dass verschiedene Teilnehmer Emotiona­lität wie Empathie zulassen und äußern konnten.

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[1] Im indianischen Medizinrad steht jede Himmelsrich­tung für einen bestimmten Zustand und einen Lebensabschnitt. Ein Mensch kann sich im Laufe seines Lebens durch alle vier Himmelsrichtungen bewegen. Jede Himmelsrichtung hat ihre besondere Entwicklungsaufgabe. Wird diese positiv bewältigt, wandert man weiter in die nächste Himmelsrichtung. Im Süden befindet sich die Kindheit, im Westen die Jugend, im Norden das Erwachsenen­alter und im Osten das Alter, der Tod und die Geburt.

 

 

 

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