Ergebnisdiskussion und Auswertung

 5.1  Diskussion des Untersuchungsansatzes      

ZUSAMMENSETZUNG DER ZIELGRUPPE

Ein wichtiger Punkt in der Untersuchung scheint mir die Zusammensetzung der Zielgruppe zu sein. Die jugendlichen Teilnehmer waren überwiegend freiwillig zu diesem Seminar erschienen. Das Seminar wurde im Vorfeld explizit als Naturerfahrungsseminar ausgeschrieben. Dies stellt eine besondere Vorraus­setzung dar. Man kann davon ausgehen, dass sich für dieses Seminar Ju­gendliche angemeldet haben, die Interesse an der Natur und einen persönli­chen Bezug zur Natur  mitbringen. Zumindest kann man im Vorfeld von einer grundsätzlichen Offenheit für dieses Thema ausgehen. Diese Gruppe ist daher sicherlich naturbezogener als andere Gruppen und die Ergebnisse stellen kein realistisches Abbild der Jugend im Gesamten dar. Um ein repräsentatives Bild zu bekommen, würde es Sinn machen, diese Erhebung in verschiedenen homo­genen Subgruppen durchzuführen. Des Weiteren setzte sich die Gruppe überwiegend aus Frauen zusammen. Männliche Teilnehmer waren nur zu 26% vertreten. In anderen Studien (vgl. Brämer, 2006) konnte nachgewiesen werden, dass Mädchen andere Naturzugänge und Naturkontakte als Jungen haben. In wiefern das für die Auswertung von Natur pur von Relevanz ist, zei­gen Abbildung 23 und 24.

 

Abb. 23: Das ist mir wichtig in der Natur….nach Geschlecht

In Abbildung 23 wird deutlich, dass Jungen in der Natur Abenteuer und Wildnis suchen; Die Nennungen der Mädchen sind im Vergleich dazu eher gering. Für Mädchen stehen ästhetische Dimensionen stärker im Vordergrund, wie Schön­heit, Ruhe und Stille oder frische Luft.

 

Abb. 24: Naturkontakte nach Geschlecht

Abbildung 24 zeigt, dass die Mädchen auch bei der Häufigkeit der Naturkon­takte im Alltag den Schnitt nach oben ziehen. Die stärkste Nennung bei den Jungen ist „wenige Stunden“. Bei den Mädchen hingegen ist die stärkste Nen­nung „mehrmals in der Woche“. Würde die Gruppe zu gleichen Teilen aus Mädchen und Jungen bestehen, wären sicherlich andere Ergebnisse zu erwar­ten.

ANMERKUNG ZU DEN GEWÄHLTEN UNTERSUCHUNGSMETHODEN

Zur Erfassung bestimmter Aspekte wurden im Fragebogen gebundene Antwort­formate gewählt. Die Frage nach Naturerfahrungen oder Naturängsten hätte zum Beispiel auch in freien Antwortenformaten erfasst werden können. Dies hätte eine Liste von Nennungen ergeben, die den Jugendlichen als erstes einfallen oder die ihnen am wichtigsten erscheinen. Da aber alle Naturer­fah­rungs­dimensionen und viele Dimensionen von Angst untersuchte werden sollten, habe ich mich für eine differenzierte Itembatterie entschieden. Die Befragung mittels Fragebogen lieferte demzufolge harte Fakten, klare Zahlen und somit eine gute Arbeitsgrundlage. Diese Zahlen sind insofern objektiv, als dass das Material jederzeit erneut eingesehen und einer Analyse unterzogen werden kann.

Die Anfertigung von Beobachtungsprotokollen in Form von Videoaufnahmen, Digitalaufnahmen sowie stichwortartigen Beobachtungsnotizen erwies sich als sehr gut geeignet zur Darstellung und Analyse von Naturerlebnissen. Hierbei sind die Erschließungsprozesse und Reaktionen der Teilnehmer am besten zu beobachten. Es zeigte sich, dass Äußerungen der Jugendlichen mittels dieses methodischen Vorgehens deutlich aufgezeigt werden können. Zusätzlich zeigen sich die Videoaufnahmen dadurch geeignet, dass Impressionen aus dem Semi­nar jederzeit wieder abgespielt werden können und nicht subjektbehaftet sind. Die Deutung ist damit falsifizierbar.

Trotzdem weist die Untersuchung einen Mangel auf. Es ist nur eingeschränkt gelungen, die Entwicklung einzelner Jugendliche zu analysieren. In wie weit „Natur pur“ auf jeden einzelnen Teilnehmer stabilisierend, anregend oder aus­gleichend wirkte, hätte nur mit einem höheren Personaleinsatz oder unter we­sentlich größerem Zeitaufwand erhoben werden können. Dennoch ist es mög­lich, wesentliche Prozesse und Strukturen zu bestimmen.

DIE ROLLE DER TRAINER

Für nicht unerheblich bei der Evaluation halte ich die Rolle der Trainer. Sie sind letzten Endes diejenigen, die die Natur vermitteln, die mit Feingefühl und Erfah­rung Programminhalte festlegen und diese situationsbedingt den Vorraus­setzungen und Bedürfnissen der Zielgruppe anpassen. Begeisterung für Natur kann man nur wecken, wenn man selbst begeistert ist. Insofern tragen die Trai­ner mit Ihren Einstellungen und mit ihrer Überzeugungskraft entscheidend zum Ergebnis eines solchen Seminars bei. Mein Eindruck war, dass versucht wurde, ohne Druck und ohne erhobenem Zeigefinder Natur näher zu bringen. Die Ar­beitsbasis der Trainer gründete auf Freiwilligkeit, Authentizität und Prozess­ori­entierung. Die Trainer haben durchweg eine sehr gute Rückmeldung von den Teilnehmern bekommen.

 

 

 

 5.2  Diskussion der Ergebnisse aus der Evaluation

Wesentliche Ergebnisse der Evaluation werden nachfolgend thesenartig darge­stellt.

1.       NATURERLEBEN IST EIN THEMA FÜR JUGENDLICHE

Bei Naturerfahrungen konzentrieren sich viele Ansätze aus der Umwelt- und Erlebnispädagogik auf das Kindergarten- und Grundschulalter. Die Arbeit mit Jugendlichen wurde bisher eher vernachlässigt behandelt, weil man davon ausging, dass Naturerleben für Jugendliche keine Bedeutung hat. Natur­ent­fremdung als wesentliches Charakteristikum jugendlicher Naturbeziehung, konnte in dieser Befragung bei dieser Zielgruppe nicht bestätigt werden. Durch die äußerst positive Rückmeldung an das Seminar wurde deutlich, dass es durchaus Jugendliche gibt, die ein großes Bedürfnis nach Naturerfahrungen haben. Wesentlich ist dabei, dass Naturerlebnisse mit Jugendlichen anders gestaltet werden müssen, als mit Kindern. Jugendliche brauchen andere Herausforderungen und haben andere Bezüge. Damit Natur erleben nicht zu ‚kindisch’ daher kommt, ist es not­wendig, Konzepte speziell für die Zielgruppe der Jugendlichen zu entwickeln.

2.       DER JUGENDLICHE NATURZUGANG IST ÜBERWIEGEND ÄSTHETISCH

In dieser Untersuchung ist deutlich geworden, dass für viele Jugendliche das emotionale Erleben des Naturschönen und die sinnliche Wahrnehmung der Viel­falt von natürlichen Erscheinungsformen im Vordergrund stehen. Jugendli­che suchen in der Natur vor allem Harmonie, Verbundenheit und emotionale Be­friedigung. In Gesprächen wurde deutlich, dass diese Bedürfnisse für die Jugendlichen im Alltag eher schwer realisierbar sind.

An zweiter Stelle der Naturerfahrungen steht die soziale Dimension. Viele Ju­gendliche haben eine enge Beziehung zu Tieren und viel Erfahrung in der Für­sorge und Verantwortung für ein Tier. Bei dieser Form des Naturerlebens ste­hen Partnerschaft und Zuneigung im Vordergrund.

3.       NATURERLEBEN IST SUBJEKTIV

Es wurde deutlich, dass Jugendliche sehr unterschiedliche Vorstellungen von Natur haben und Natur sehr individuell erleben. Was für den einen ein künstlich angelegter Garten ist, ist für den anderen schon fast Wildnis; Was den einen ängstigt, bereitet einem anderen Freude. Jugendliche treten unterschiedlich an Natur heran und machen ihre eigenen Erfahrungen. Diese können nicht päda­gogisch verordnet werden. Für Pädagogen ist es erforderlich, eigene Naturkon­zepte zu hinterfragen und zu akzeptieren, dass es auch andere Konzepte von Natur gibt. Das Naturverständnis der Jugendlichen sollte ernst genommen und respektiert werden, auch wenn es nicht den eigenen Vorstellungen entspricht. Diese Haltung scheint mir unerlässlich, um Jugendlichen Natur nahe zu brin­gen.

4.       NATUR IST EIN LERNRAUM

Über die Hälfte der Jugendlichen gaben an, dass der Mensch viel von der Natur lernen kann. Dass Naturerlebnisse nicht nur Lernanreize in den Bereichen Um­weltwis­sen und Umwelthandeln setzen, sondern auch eine positive Einstellung zur Natur fördern, ist in der Befragung deutlich geworden. Im Rahmen des Se­mi­nars konnte man aber auch immer wieder erleben, dass Naturerlebnisse neue und anregende Erfahrungen beinhalten und Jugendliche unterschiedlich stark an ihre Grenzen bringen können. In der Natur müssen Jugendliche mit nicht alltäglichen Situationen zurecht kommen. Sie können viel über die Befind­lichkeit und den Lebenszusammenhang ihrer Umwelt lernen und dadurch Em­pa­thie­fähigkeit entwickeln. Nicht zuletzt können physische und psychische Grenzer­lebnisse neue Lernanreize setzen und Jugendliche in ihrer Persönlich­keit und ihrer Lebensbewältigung stärken.

5.       NATURERLEBEN IST SELBSTBEGEGNUNG

Bei der Naturaufgabe ist besonders deutlich geworden, dass Naturerleben und Selbsterfahrung eng zusammen hängen können. In der Zeit alleine in der Natur machten die Jugendlichen intensive, persönliche Erfahrungen. Alle Jugendliche, die an dieser Aufgabe teilgenommen hatten, fühlten sich auf symbolische Weise von der Natur angesprochen. Die Tatsache, dass im Rahmen von Natur­aufgaben und -ritualen Naturerlebnis und Selbsterfahrung zusammenhän­gen, stellt eine besondere Chance für die Entwicklung und Bildung der Persön­lichkeit dar. Dass gerade die Naturaufgabe solch tiefe Zugänge zur Persönlich­keit der Jugendlichen zulässt, macht deutlich, wie wichtig es ist, intuitive und erfah­rungs­bezogene Erlebnisse zu ermöglichen und diese in Bezug zur Le­bens­situation der Jugendlichen zu setzen. Für Pädagogen bedeutet dies, nicht nur das Erlebnis selbst in die Reflexion mit einzubeziehen, sondern näher darauf einzugehen, welche Bedeutung Naturerlebnisse für den Einzelnen haben können. Es geht also nicht nur darum, Natur verstehen und kennen zu lernen, sondern Bezüge zur eigenen Person her zu stellen.

6.       GRUNDVORRAUSSETZUNG IST OFFENHEIT

Eine wichtige Erfahrung, die ich im Seminar gemacht habe, war die Einsicht, dass man keinen Menschen verändern oder zu etwas verhelfen kann, wenn er es nicht selbst möchte. Ein Teilnehmer sagte nach dem Seminar zu mir: „Ich hatte schon vorher nichts mit Natur am Hut, und das hat sich durch das Semi­nar auch nicht verändert“. Damit Jugendliche etwas aus dem Seminar für sich persönlich mitnehmen, braucht es die Bereitschaft, sich auf Impulse des Erle­bens ein zu lassen. Jugendliche, die nicht neugierig sind oder von der Natur nichts wissen wollen, werden auch nichts Neues lernen. Die Grundvorrauset­zung für Wachstum und Veränderung ist Offenheit und Bereitschaft.

 

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