Outdoor-Erste-Hilfe: Wie Du Dich bei einem (Kletter-)unfall mit Jugendlichen richtig verhältst

Fit für den Outdoor-Notfall beim Wandern, Klettern, Paddeln oder in der Erlebnispädagogik? Starke Schmerzen, Atemnot, Aufregung! Bist Du in der Lage, den Überblick zu behalten und die richtigen Entscheidungen zu treffen?

Zum Glück ist das Draußensein weit ungefährlicher als jeder Schulsportunterricht. Und doch kommt es bei Ausflügen in Freien immer mal wieder zu kleineren (und größeren) Wehwehchen: Beim Trekken umgeknickt oder beim Schnitzen übers Ziel hinausgeschossen und ein wenig Finger mit verarbeitet... Ups. Gerade bei der Outdoor-Erste-Hilfe ist es wichtig einen guten Überblick zu behalten und kompetent mit der Erste-Hilfe-Situation umzugehen, denn oft befinden wir uns bei etwa Kletterausflügen in unwegsamen Gelände oder der Handyempfang ist nicht vorhanden.

Deshalb haben wir die Outdoor Schule Süd e. V. eingeladen Dir erste Tipps für das richtige Vorgehen bei Unfällen unter freiem Himmel zu vermitteln. Eigentlich unnötig, dass wir das hier erwähnen, aber wichtig: Natürlich ersetzt das Lesen dieses Artikels NICHT eine professionelle Erste-Hilfe-Schulung. Aber ist doch klar, oder?

Wir haben die Outdoor Schule Süd e. V. eingeladen Dir erste Tipps für das richtige Vorgehen bei Unfällen unter freiem Himmel zu vermitteln.

 

Die Ausgangssituation: Ein Kletterunfall

Hast Du schon mal von RUM-BAP-SAU-DIWAN gehört? Was erstmal nach dem Gebrabbel eines Kleinkindes klingt, das gerade Sprechen lernt, ist in Wahrheit viel mehr: Dieses Prioritätenschema der Outdoorschule Süd  bietet dir eine gute Struktur, wie Du vorgehen kannst.

Lass uns "RUM-BAP-SAU-DIWAN" mal anhand eines konkreten Beispiels unter die Lupe nehmen. Wir haben hier einen Kletterunfall ausgewählt. Natürlich kannst Du das Prioritätenschema aber auch auf den umgeknickten Fuß beim Wandern anwenden – oder wenn der Herr neben die in der Straßenbahn plötzlich ohnmächtig wird.

Stell Dir folgende Situation vor: Du bist mit einer Gruppe von 12 Jugendlichen und einem Kollegen an den Fels gefahren, um zusammen klettern zu gehen. Die Gruppe hat euch zum Beispiel im Rahmen eines Geburtstages einer der Jugendlichen gebucht. Die Jugendlichen bilden 3er-Gruppen und sichern, nach einer Einweisung von euch, selbständig unter eurer Aufsicht.

Doch beim Klettern rutscht Simon ab, fällt ca. 1 Meter und kommt dabei ganz unglücklich mit seinem Sprunggelenk an die Felswand. Er schreit kurz auf und hat offensichtlich Schmerzen in seinem Bein.

Was ist jetzt zu tun?

RUM-BAP-SAU-DIWAN führt dich jetzt Schritt für Schritt durch das Management der Unfallsituation. Los geht's...

RUM-BAP-SAU-DIWAN: Dieses Prioritätenschema der Outdoorschule Süd  bietet dir eine gute Struktur, wie Du vorgehen kannst.

 

1) RUM – wie Risiken, Unfallhergang und Management

Risiken abchecken

Verschaffe Dir zunächst einen Überblick über die Situation. Gerade in der ersten Phase von Erste-Hilfe-Einsätzen ist es wichtig achtsam zu sein, damit die Gruppe nicht hektisch oder chaotisch wird. Du kannst dem entgegenwirken, indem Du Dir zunächst der Rahmenbedingungen bewusst wirst.

Sind andere Teilnehmer in Gefahr, weil sie abgelenkt sind und auf den Unfall anstatt auf ihre eigene Sicherungskette achten?

Maßnahme: Zuerst einmal werden alle kletternde Jugendliche abgelassen.

Bist du selbst als Betreuer in Gefahr?

In diesem Fall ist die Antwort "Nein". Simon hat sich ohne externe Ursacheneinwirkung den Fuß verletzt. Anders sieht es etwa bei Steinschlag aus: Hier ist es wichtig dich selbst aus der Gefahrensituation zu entfernen, bevor Du Simon hilfst. Dein Selbstschutz ist mindestens genauso wichtig, wie der Schutz der Dir anvertrauten Teilnehmenden.

Wenn die Jugendlichen und Du selbst außer Gefahr sind, muss Simon jetzt erstmal vorsichtig abgelassen werden.

Umfeld und Unfallhergang

Wie ist es passiert?

Wie hoch war die Sturzhöhe? Falls Du es selbst nicht gesehen hast, kannst Du auch andere Teilnehmende fragen, die den Sturz beobachtet haben. Durch diese Information kannst Du das Verletzungspotenzial besser einschätzen.

Wie war der Seilverlauf? Ist Simon beim Sturz gependelt? Hat sich womöglich auch den Kopf an einer Felskante angeschlagen?

Management

Teile mit Dich mit Deinem Kollegen auf. Einer übernimmt die Rollen des Koordinators, der den Überblick über die Situation und die restliche Gruppe behält. Der andere ist der Kontakter, also die Person, die sich um den verletzten Simon kümmert. 

Wichtig: Behaltet diese Rollen bis zum Schluss bei. Ein Rollenwechsel führt bei den Trainer/innen und den Teilnehmenden zu Verwirrung und Unklarheit.

 

2) BAP – wie Bewusstsein, Atmung und Puls

Sobald der Patient Simon am Boden ist, überprüfe die Vitalfunktionen Bewusstsein, Atmung und Puls, um festzustellen, ob Simon lebensbedrohlich verletzt ist oder er nur ein Problem mit dem Sprunggelenk hat. Falls eine oder mehrere Vitalfunktionen ausgefallen sind, hat die Behandlung dessen oberste Priorität.

Gerade in der ersten Phase von Erste-Hilfe-Einsätzen ist es wichtig achtsam zu sein, damit die Gruppe nicht hektisch oder chaotisch wird.

 

3) SAU – wie "saugefährlich"

Falls eine oder mehrere Vitalfunktionen gestört sind, wird es SAUgefährlich, da Schock, eine Atemstörung oder eine lebensbedrohliche Unterkühlung drohen.

Ausfall oder Störung von Bewusstsein, Atmung oder Puls:
Ist bei BAP etwas ausgefallen oder aber nicht vollständig in Ordnung? Stabilisiere mit allen Möglichkeiten, die Dir zu Verfügung stehen, den Patienten so weit wie möglich.

Denn dann schwebt Simon in Lebensgefahr und Du musst auf jeden Fall einen Notruf initiieren. Wähle dazu die 112. Falls Du keinen Empfang hast, rufe dir in Erinnerung

  • wo du den letzten Empfang hattest.
  • ob es in der Nähe einen Rettungspunkt gibt.
  • wo genau Du Dich gerade befindest und ob der Rettungsdienst bis zu euch fahren kann.
  • falls nicht, braucht ihr zusätzlich eine technische Rettung (in der Regel Bergwacht oder Feuerwehr). 

Unterkühlung:
Die Gefahr eine Unterkühlung hast Du beim Punkt "Umfeld und Unfallhergang"  ausgeschlossen, da Du den Unfall gesehen hast und der verletzte Simon nicht schon längere Zeit alleine in der Kälte liegt. Gerade im Herbst und Winter ist es gut vor der Wanderung an den Fels zu checken, ob die Rettungsdecke (aus metallischer Folie) noch in Deinem Erste-Hilfe-Pack vorhanden ist. Die Decke schützt nicht nur vor Unterkühlung, sondern auch vor Wind und Regen. 

Falls eine oder mehrere Vitalfunktionen gestört sind, wird es SAUgefährlich, da Schock, eine Atemstörung oder eine lebensbedrohliche Unterkühlung drohen.

 

4) DIWAN

Detailuntersuchung
Mach einen Bodycheck und schau, ob es weitere Verletzungen gibt. Anschließend machst Du ein Anamnesegespräch, um zu schauen, ob das Ausrutschen andere Ursachen, als nur eine zu schwere Kletterstelle, hatte. Vielleicht wurde Simon ja plötzlich schwindelig? Diese Informationen sind wichtig, um sie später an den Notarzt weiterzugeben.

Immobilisierung
Wie stark ist das Sprunggelenk verletzt? Kann der Patient es noch bewegen oder tut jede Bewegung weh? Gibt es Anzeichen für einen Bruch? Je nach Diagnose machst Du zuerst PECH (Pause, Eis, Compression, Hochlagern) und stützt die Stelle mit einer Schiene. Eine Schiene anlegen solltest Du aber nur, wenn der Rettungsdienst nicht direkt bis zu euch fahren kann und die Rettungszeit dadurch deutlich länger als 15 Minuten dauert.

Wundversorgung
Wenn Simon sich Schürfwunden zugezogen hat, versorge diese, zum Beispiel mit Wundspray, Pflaster oder Mullbinden.

Abtransport organisieren
Hat Simon nur eine leichte Verletzung und kann selbst bis zur Straße gehen oder braucht ihr eine Rettung, die direkt an den Felsfuß kommt? Initiiere jetzt auf jeden Fall den Abtransport mittels Notruf mit oder ohne Geländerettung. Informiere seine Eltern.

Notfallcamp einrichten
Das brauchst Du in Fall von Simon zwar nicht tun, da die Rettung sicherlich noch am selben Tag eintreffen wird. Doch mal angenommen, Du bist an einer kniffligen Stelle einer Alpenüberquerung: Bis Hilfe eintrifft, können mehrere Stunden vergehen. Jetzt ist es wichtig die Wartezeit so angenehm wie möglich für den Patienten aber auch die restliche Gruppe zu machen, denn schlechte Stimmung in der Gruppe, würde zusätzlichen Stress bedeuten. Wind-, Regen- und Sonnenschutz sorgen hier für Erleichterung. Ein paar Kleidungsstücke auf dem Boden und Rucksäcke zu einer Rückenlehne aufgehäuft schaffen etwas mehr Komfort in der misslichen Lage.

 

Fazit

So, jetzt hast Du einen ersten Einblick bekommen, wie Du einen Kletterunfall mit Jugendlichen am Fels gut managen kannst.

Natürlich bist Du jetzt kein Profi, nur weil Du diesen Artikel gelesen hast. Denn was hier fehlt ist ganz klar die Praxis. Falls Du Dich bei diesen Maßnahmen also nicht fit fühlst, empfiehlt es sich einen Erste-Hilfe-Basisseminar zu besuchen, zum Beispiel bei der Outdoorschule Süd e.V.. Hier lernst Du, das RUM-BAP-SAU-DIWAN mit Leben zu füllen und gewinnst praktische Erfahrung in Erste-Hilfe-Situationen mit Gruppen.

Auch wenn es immer gut ist, sich auf den Ernstfall vorzubereiten, wünschen wir Dir einen kühlen Kopf, Hals und Beinbruch und viele unbeschwerte Draußenmomente! :)

Wir wünschen Dir viele unbeschwerte Draußenmomente!